Infoschrift
Das Umveredeln von Obstbäumen im Haus- und Kleingarten

Das Veredeln ist eine Möglichkeit der sortenreinen Vermehrung. Sie dient vor allem im Obstbau dem Erhalt der einzelnen Obstsorten, denn bei der Aussaat entstehen keine sortenechten Jungpflanzen. Für das Gelingen bei allen Veredelungsmethoden kommt es darauf an, möglichst viel Kambium (dünne Wachstumsschicht unter der Rinde) von Edelsorte und Unterlage in engen Kontakt zu bringen. Das Umveredeln wird notwendig, wenn die Fruchtqualität nicht überzeugt, bei unpassender Reifezeit, bei Krankheitsanfälligkeit oder wenn eine Befruchtersorte einveredelt werden muss; viele Obstsorten bzw. -arten sind nicht selbstfruchtbar. Das Umveredeln (Pfropfen, Belzen) lohnt nur bei gesunden und gepflegten, nicht zu alten Obstbäumen.

Werkzeug und Materialien

Zum Abwerfen der Krone wird eine Säge benötigt. Für den Veredelungsschnitt und für das Glattschneiden der Pfropfköpfe ist ein scharfes Veredelungsmesser sinnvoll. Zum Verbinden der Veredelungsstelle eignen sich Bast oder spezielle Veredelungsgummis. Zum Verstreichen hat sich kalt verstreichbares Wachs bewährt. Die Reiser werden mit einer Baumschere geschnitten.

Vorarbeiten

Kurz vor dem Umveredeln wird die Krone des Obstbaumes wie folgt zurückgeschnitten (abgeworfen): Die Krone des Obstbaumes pyramidal einkürzen. Dünnere Zugäste im unteren Kronenbereich belassen. Die Stärke der eingekürzten Äste sollte an den Schnittstellen (Pfropfköpfe) zwischen 3 und 6 cm liegen. Schnittstellen nach dem Absägen mit einem Messer glatt schneiden.

Edelreiser

Die Edelreiser müssen im Winter (Dezember bis Januar) während der Saftruhe geschnitten werden. Als Edelreiser kommen nur gut ausgereifte einjährige Triebe mit kurzen Knospenabständen in Frage. Solche Triebe findet man im äußeren, gut besonnten Bereich der Krone. Es sollten nur Edelreiser von gesunden, gut tragenden Bäumen entnommen werden. Die Edelreiser bündeln und an einer schattigen Stelle in einer 40 cm tiefen Erdgrube in feuchten Sand einlegen und abdecken. Die Grube gegen Mäusefraß mit einem engmaschigen Drahtgeflecht auslegen. Vor dem Veredeln sollte die Qualität der gelagerten Reiser kontrolliert werden, die Knospen dürfen noch nicht angetrieben haben und das Edelreis sollte sich glatt und prall anfühlen. Ist die Lagerung von Obst-Edelreisern nicht möglich, können diese auch über Bezugsquellen im Internet bestellt werden.

Die richtige Veredelungsmethode entsprechend der Unterlagenstärke

  • Unterlage und Edelreis gleich dick: Kopulation, während Vegetationsperiode und –ruhe, unabhängig vom Lösen der Rinde, geeignet für das Veredeln von Obst- und Ziergehölzen
  • Unterlage doppelt so dick wie das Edelreis: Geißfuß, während der Vegetationsruhe Februar/März, unabhängig vom Lösen der Rinde, geeignet für das Umveredeln von Obstbäumen
  • Unterlage deutlich dicker als das Edelreis: Pfropfen hinter die Rinde, im April/Mai bzw. Juli/August, Rinde muss lösen, geeignet für das Umveredeln von älteren Obstbäumen

Kopulation

Bei dieser Veredelungsmethode müssen Veredelungsunterlage und Edelreis gleich stark sein. In diesem Fall sind es bei beiden meist einjährige Triebe, die im Winter oder zeitigen Frühjahr miteinander veredelt werden. Der Kopulationsschnitt kann in Bodennähe oder in Kronenhöhe erfolgen. Die Edelreiser müssen während der Vegetationsruhe geschnitten werden (Dezember bis Januar). Eine frostfreie und kühle Lagerung ist entscheidend für frische und funktionsfähige Reiser zum Veredelungszeitpunkt.
Der Kopulationsschnitt ist ein glatter, elliptischer Schnitt von 3 bis 4 cm Länge (Abb. a, c). Es wird jeweils ein Längsschnitt am unteren Ende des Edelreises (Abb. c, d) und einer am oberen Ende der Unterlage (Abb. a, b) durchgeführt. Auf der Rückseite des Schnittes sollte beim Edelreis wie auch bei der Unterlage eine Knospe als Zugauge sitzen (Abb. b, d). Bei der Schnittführung wird das Edelreis in der linken Hand waagrecht in Bauchhöhe eng am Körper festgehalten. Das Veredelungsmesser in der rechten Hand setzt mit der ganzen Klinge parallel zum Reis an und der Schnitt wird in einem Zug waagrecht zum Körper durchgezogen. Gleichermaßen verfährt man beim Schnitt in die Unterlage. Es ist sinnvoll, diese Schnittführung vor dem eigentlichen Veredeln an einjährigen Weidenruten zu üben. Beim Zusammensetzen von Unterlage und Edelreis die Schnittflächen nicht berühren und darauf achten, dass die Schnittflächen sich decken. Anschließend die Veredelung mit Bast oder Veredelungsgummi fest verbinden (Abb. f). Die Zugaugen bleiben frei und die Veredelung wird mit Wachs verstrichen (Abb. g).

Geißfuß

Für diese Veredelungsmethode sollte man schon Übung und Erfahrung im Veredeln gesammelt haben. Am Pfropfkopf der Unterlage wird ein keilförmiger Schnitt (3 bis 4 cm lang) mit der Hippe durchgeführt. Am unteren Ende des Edelreises erfolgt ein gegengleicher Schnitt , auf dessen Rückseite ein Zugauge liegen sollte. Das Edelreis ist etwa 4 bis 5 Knospen lang. Beim Zusammenfügen sollten einige Millimeter der Schnittfläche des Edelreises herausschauen, dies fördert das Zusammenwachsen vom Edelreis mit der Unterlage. Nach dem Zusammenfügen muss die Veredelung von oben nach unten mit Bast oder Veredelungsgummis verbunden und mit Wachs verstrichen werden, dabei die Knospen aussparen. Je früher veredelt wird umso besser das Anwachsen, vor allem bei Kirschen.

Pfropfen hinter die Rinde

Für das Umpfropfen hat sich bei dickeren Ästen (ab 3 cm Durchmesser) diese Veredelungsmethode bewährt.
Wenn die Rinde gut löst, meist Mitte April bis Mitte Mai während der Blüte, kann bei trockenem Wetter veredelt werden. Dafür wird am Edelreis ein Kopulationsschnitt durchgeführt. Er ist ein glatter Längsschnitt am unteren Ende des Edelreises, auf dessen Rückseite ein Zugauge liegen soll. Die Schnittfläche selbst ist etwa 4 bis 5 cm lang, elliptisch, eben und glatt. Sie darf nicht mit den Fingern berührt werden. Die fertige Länge des Edelreises beträgt 5 Augen.

Am Pfropfkopf erfolgt an der Astoberseite ein Längsschnitt (das Veredelungsmesser wird quasi bis zum Holzteil eingedrückt) entsprechend der Länge des Kopulationsschnittes am Edelreis. Dann erfolgt das vorsichtige Lösen der Rindenflügel (nicht zu viel Rinde lösen). Nach dem Einschieben des Edelreises sollte dieses von selbst ausreichend fest sitzen und einige Millimeter seiner Schnittfläche über den Pfropfkopf herausschauen. Anschließend relativ festes Verbinden der Veredelungsstelle mit Bast und Verstreichen aller offenen Schnittflächen (einschließlich des angeschnittenen Edelreises) mit Wachs. Dabei das Zugauge weder mit dem Bast einbinden, noch mit dem Wachs überstreichen.

Um ein Ausbrechen der Edelreiser durch das Aufsitzen von Vögeln zu vermeiden, sollte anschließend am obersten Pfropfkopf des Baumes ein Stab als Sitzstangenersatz angebracht werden. Diese Maßnahme ist bei allen Umveredelungen sinnvoll.

Nachbehandlung der Veredelungen

  • Nach dem Anwachsen (4 bis 6 Wochen) Bast aufschneiden
  • Neuaustriebe der alten Sorte an den Pfropfköpfen entfernen, das Edelreis muss die höchste Stellung am Ast behalten.
  • Bei Trockenheit wässern, vor allem jüngere Bäume.
  • Zugäste im Folgewinter entfernen oder auch umveredeln.
  • Neuaustrieb des Edelreises auf Schädlingsbefall (v. a. Läuse) kontrollieren und behandeln.

Tipp aus der Praxis

Für ein erfolgreiches Umveredeln von Kirschbäumen hat es sich bewährt, die Krone des Kirschbaumes im Januar zurück zu nehmen. Die im Laufe des Jahres an den Pfropfköpfen gewachsenen Neuaustriebe werden bis auf einen Trieb entfernt. Dieser kann dann im Winter darauf mit frischen Edelreisern direkt vom Baum kopuliert werden. Gelingt die Veredelung im Winter nicht, so kann im Sommer dieser Trieb durch Einsetzen eines Auges (Okulation) nachveredelt werden.

Okulation

Bei dieser Methode wird mittels eines T-Schnittes ein Edelauge, welches kurz vorher von der Edelsorte entnommen wird, also sehr frisch ist, in die Unterlage eingesetzt. Diese Unterlagen können von speziellen Baumschulen im Herbst oder Frühjahr bezogen werden (Rosenwildlinge, Rosenhochstämme, Obstsämlinge, Typenunterlagen Obst, schwachwüchsige Unterlagen Obst). Im Herbst gepflanzte oder getopfte Veredelungsunterlagen haben bis zur Veredelung gut gewurzelt. Bei der Veredelung von Rosenwildlingen werden vor dem Pflanzen oder Topfen deren Triebe auf 10 bis 15 cm eingekürzt, ebenso die Wurzeln. Diese Maßnahmen fördern das Anwachsen. Beim Pflanzen wie beim Topfen muss der Wurzelhals herausschauen, denn dort wird im Sommer das Edelauge eingesetzt. Das anschließende Anhäufeln der Pflanzen fördert das Anwachsen und verbessert das Lösen der Rinde.
Die Pflege bis zum Veredeln besteht aus einer Düngung im Frühjahr, Unkrauthacken und Gießen bei Trockenheit. Das regelmäßige Gießen bei trockener, warmer Witterung ist maßgebend für ein optimales Lösen der Rinde. Wenn ab Juli die Rinde löst, stehen die meisten Rosensorten vor dem Abblühen des ersten Flores. Bei trockenem Sommerwetter ist dies der richtige Zeitpunkt zum Ver-edeln. Vor dem Veredeln wird der Wurzelhals durch Abhäufeln freigelegt und mit einem weichen Tuch gesäubert. Der Reiserschnitt erfolgt unmittelbar vor dem Veredeln. Als Edelreis eignet sich nur der mittlere Teil von diesjährigen, gesunden Neutrieben. Die Stacheln am Edelreis werden direkt vor dem Herausschneiden des Edelauges entfernt. Nicht sofort verwendete Reiser in ein feuchtes Tuch einschlagen und kühlen.

Der Veredelungsvorgang läuft in folgender Weise ab:

  1. Edelreis (wird entblättert; Blattstielstummel belassen)
  2. Herausschneiden des Edelauges von unten nach oben, Edelreis dabei umdrehen
  3. Ausgeschnittenes Auge mit Blattstiel (dort anfassen)
  4. T-Schnitt in die Unterlage, Lösen der Rindenflügel mit dem Messer
  5. Einschieben des Edelauges
  6. Überstehenden Zipfel abschneiden
  7. Verbinden mit Bast, Veredelungs-gummi (Auge freilassen) oder Okulationsschnellverschluss (Auge wird überdeckt)
Ist das eingesetzte Edelauge (nach ca. 4 Wochen) angewachsen, vertrocknet der Blattstielstummel und fällt ab. Das Edelauge treibt aber erst im Folgejahr aus.
Anfang März des nächsten Jahres wird die Unterlage 1 cm über der Veredelung abgeschnitten und alle Wildtriebe entfernt. Im Laufe des Frühjahrs/Sommers werden weiterhin alle Wildtriebe entfernt und der Austrieb des Edelauges entspitzt, damit die neue Rose sich gleichmäßig aufbauen kann. Während der Vegetationszeit bei Bedarf wässern und eine Düngergabe im Frühjahr ausbringen. Im Herbst nach dem Laubfall kann die neue Rose an ihren endgültigen Standort, dort aber tiefer (Veredelungsstelle 5 cm unter die Erde), gepflanzt werden. Werden Obstunterlagen okuliert, sind zur Erziehung eines Stammes und einer Krone weitere Schnitt- und Aufbindearbeiten nötig. Durch einen Rückschnitt des einjährigen Triebes bildet sich im 2. Jahr eine verzweigte Krone.

Weiterführende Literatur

Beispiele:

  • Schmid, Heiner: "Veredeln der Obstgehölze", Verlag Eugen Ulmer
  • Schmid, Heiner: "Pflanzen veredeln: Pfropfen und Okulieren", Verlag Eugen Ulmer
  • Klock, Peter: "Veredeln: Obstgehölze und Zierpflanzen", BLV

Bezugsquelle Veredelungsunterlagen und Veredelungszubehör

Beispiele

  • Veredelungsunterlagen Andrea Lutz, Am Burgfeld 20, 85077 Manching, Tel.: 084 59/99 50 68, www.veredelungsunterlagen.de
  • Baumschule Ritthaler, Dietschweilerstraße 20, 66882 Hütschenhausen, Tel.: 063 72/58 80, www.baumschuleritthaler.de