Gar nicht so neu: Gärten in Stadt und Land - Urban Gardening
Die Rückkehr der Gärten in die Stadt – Chancen für Bürger und Gärtner

Gemüse in der Kiste
Erfreulicherweise für alle Gartenfreunde gibt es in Stadt und Land immer mehr begeisterte Gärtner, die auch ohne eigenen Garten gärtnern wollen, und sie treffen immer öfter auf Kommunen, die dafür ein offenes Ohr haben oder sogar selbst Angebote machen.
Zur Fachtagung „Urban Gardening – Potenziale für moderne Stadtentwicklungen“ hatte sich am 8. November 2016 in Veitshöchheim ein interessiertes Publikum aus allen Bereichen des bayerischen Freizeitgartenbaues eingefunden. Die Bayerische Gartenakademie an der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau hatte Referenten aus den unterschiedlichsten Bereichen gewinnen können, dazu engagierte Aussteller aus Kommunen, Verbänden, Behörden und Fachfirmen. Und ebenso setzte sich das zahlreich erschienene Publikum zusammen.
An erster Stelle spannte Garry Grueber (Firma Cultivaris) einen Bogen über neues Grün für immer mehr Menschen weltweit. Er hatte Bilder aus den Metropolen fast aller Kontinente mitgebracht, wo immer mehr Grünkultur auf Dächern, Wänden, Brücken, Balkonen und Brachflächen sprießt. Mit Hilfe aktueller Pressetrends (Landlust, Fachartikel in Tageszeitungen,…) untermauerte er seine Feststellungen. Gärten für jedermann, Gartenparzellen zur Selbstversorgung und Edelgärten für das oberste Stockwerk im Hochhaus und für Edelrestaurants – all dies sind Facetten des neuen Gärtnerns. Grün auf dem Dach, auf dem Bus, auf dem Schiff und sogar als Finger-Deko. Beim mit Blümchen garnierten Bart stiegen viele Zuhörer jedoch hörbar aus.
Besonders viel versprechend geriet sein Blick in die Zukunft. Gärten werden uns bleiben, aber sie werden anders sein, pflegeleichter, stadtklimaverträglich, wassersparend, nützlich und gesellschaftsgerecht. Sie werden wichtiger sein als bisher: Sie werden entschleunigend wirken, und sie werden weiterhin reiches Betätigungsfeld für Profis bieten, die es schaffen, immer wieder aktuelle Trends bürgergerecht aufzugreifen.
Reiche und für die Praxis vieler Besucher wohl besonders wichtige und leicht umsetzbare Denkanstöße gab dann Konrad Bucher vom interkulturellen Bewohnergarten ZAK e. V. Zusammen aktiv in Neuperlach. Er gehört zu den vor Ort Aktiven, die gärtnerische Bestrebungen in gesellschaftliche Notwendigkeiten einbetten. Gärten in der Stadt sind Mittel zum Zweck: Mehr Gemeinschaft, Bildung, Begegnung, Vernetzung, Ökologie, gesunde Ernährung und weniger Ressourcenverbrauch. Menschen finden eine Plattform zum Austausch untereinander, über für sie wichtige Themen: Gesundheit, Ernährung, Familie, Arbeitsplatz, Nachbarschaftsprobleme und Konflikte untereinander. Gärten als Ort der Begegnung brauchen zum langfristigen Gelingen Struktur (z. B. Vereinsform), Inhalt (gärtnerische und gemeinschaftliche Ziele), Offenheit (alle können sich beteiligen) und auch Weiterentwicklung, die von innen gesteuert sein muss.
Die Kommunen sollten gärtnerisches Interesse aufgreifen und je nach Art und Zielrichtung der Beteiligten unterstützen, einfach aufgrund der vielfältigen, auch von den Vorrednern dargestellten Vorteile für die Gemeinschaft (Kommune). Frau Dr. Juliane von Hagen von der Natur- und Umweltschutzakademie NRW, Recklinghausen stellte informative und unterstützende Broschüren von der Stadt Stuttgart (Urbane Gärten – Richtlinien zur Förderung von urbanen Gärten in Stuttgart) und vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (Gemeinschaftsgärten im Quartier – Handlungsleitfaden für Kommunen) vor.
Eher technische Aspekte beleuchtete Jürgen Eppel aus der Abteilung Landespflege der LWG. Er gab Empfehlungen zur Bewässerung, Düngung und zum Substrat nicht nur für automatisierte Systeme. Seine Ausführungen waren teilweise auch sehr nützlich zur Pflegeerleichterung bei bürgerschaftlichen Projekten.
Das aufgrund der immensen Nachfrage erfolgreichste Projekt stellte Ruth Kleinöder (Stadtgüter München) vor, die Münchener Krautgärten. Beginnend mit einer Fläche in Johanniskirchen (zunächst 28 Parzellen) und Trudering bieten die Stadtgüter inzwischen 1400 Parzellen an 22 Standorten an. Interessenten übernehmen 30, 60 oder mehr Quadratmeter im Frühjahr. Erste Einsaaten sind bereits im Boden, Jungpflanzen und Pflegegeräte wie Gießkannen werden gestellt. Weitere Kulturen können individuell ergänzt und einen Sommer lang beerntet werden. Im Herbst nimmt die Stadt die Flächen wieder zurück und übernimmt somit auch die Winterarbeiten. Das Projekt trägt sich selbst, es ist für die landwirtschaftlichen Betriebe wirtschaftlicher als der Anbau von landwirtschaftlichen Kulturen. Es bietet allen Teilnehmern aber auch eine gute Infrastruktur mit guter Verkehrsanbindung, Beratung und auch eigene Parzellen für Schulen, Kindergärten oder andere Gruppen. Frau Kleinöder beobachtet auch zunehmend junge Nutzer, die die eigene Ernte zum Kochevent am Wochenende nutzen.
Einen breiten Einblick in mehrere unterschiedliche Projekte in und um Innsbruck stellte Frau Elisabeth Senn vor, unter anderem die „Ackerbande Sistrans", die „Feldfreunde Arzl“, die „Wieseler“, das „Pfauengartele“, das „Innsgartl“, den „Kapuzinergarten“, den „Garten für junges Klanggemüse“, den „Interkulturellen Gemeinschaftgarten Wilten“, den Garten „Waldhüttl“, sowie den „Bunten Daumen Kufstein“. Interessant dabei: Jedes Projekt ist anders, bei jedem zeigen sich aber auch zahlreiche Parallelen. Zur Unterstützung aller Garteninitiativen gibt es eine Servicestelle Gemeinschaftsgärten, in denen vorwiegend ehrenamtlich, aber auch mit fünf Stunden wöchentlich mit hauptamtlichen Mitarbeitern Beratung in gärtnerischen und organisatorischen Fragen geleistet wird (http://www.gemeinschaftsgärten.tirol/)
Frau Robin Engel von der Aktion „Himmelbeet“ in Berlin. Himmelbeet ist nicht nur ein Garten, es gehören auch ein Café und ein Gemeinschaftsbackofen dazu. Es gibt sowohl Pacht- als auch Gemeinschaftsbeete. Das Areal dient vielen, auch kulturellen Veranstaltungen. Viel gefragt sind auch die „Bicycle Repair Men“. Besonders fruchtbar sind Kooperationen mit anderen Initiativen, mit Firmen (Spendern), Verbänden und mit dem Bezirk. Zukünftig gibt es zusätzlich verstärkt sportliche Aktivitäten und eine stärkere Verknüpfung der verschiedenen Bereiche.
Die Besucher beteiligten sich lebhaft an der Diskussion im Anschluss an die Vorträge. Insbesondere ergaben sich intensive Gespräche zwischen Freizeitgärtnern, Gartenplanern, Verwaltungsangehörigen und Profigärtnern im Foyer der Mainfrankensäle. Stichwortgeber waren nicht nur die Referenten im Saal, sondern auch die Ausstellerbeiträge dort.
Fast zum Stadtgarten geriet das Foyer der Mainfrankensäle. Zahlreiche Ausstellerstände boten genügend Impulse für die verschiedensten Teilnehmer, miteinander ins Gespräch zu kommen. Alle Stände waren dicht umlagert. Die Fimen Patzer Erdenwerke, Netafim, Neudorff, und Tensio-Technik (Blumat) zeigten vielfältige Möglichkeiten, wie mit der richtigen Bewässerung oder mit Hilfe des richtigen Substrates und anderer Hilfsmittel das Pflanzenwachstum ganz entscheidend unterstützt werden kann. Der Verband Garten-, Landschaft- und Sportplatzbau Bayern e. V., der Landesverbandes für Gartenbau und Landespflege e. V. sowie der Landesverbandes Bayerischer Kleingärtner e.V. zeigten eigene Verbindungen zum Urbanen Gärtnern auf. Die Abteilung Landespflege der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau sowie das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Fürth stellten modellhaft ihre Projekte zum Gemüse auf dem Dach bzw. zum Salat in Hydrokultur vor.