Veranstaltungsbericht
Gehölztag 2017 - Die Stärke liegt in der Gemeinschaft

Baumschnitt
Mit rund 220 Teilnehmern waren die Mainfrankensäle beim diesjährigen Gehölztag der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) am Mittwoch, den 21.06.2017, bis auf den letzten Platz besetzt. Im Mittelpunkt der Fachtagung standen diesmal die zukunftsträchtigen Baumarten. „Das große Interesse des Publikums zeigt, wie wichtig das Thema Zukunftsbaum ist“, so Klaus Körber, LWG-Sachgebietsleiter Obstbau und Baumschule sowie Organisator der Veranstaltung.
Neben produzierenden Baumschulen konnten auch zahlreiche Kreisfachberater sowie Mitarbeiter aus Städten und Gemeinden aus ganz Deutschland begrüßt werden. „Mir ist es wichtig, alle Entscheidungsträger rund um den Baum an einem Tisch zu haben“, betonte Körber. Denn die für den Baum so wichtigen Veränderungen, dass dringend notwendige Umdenken, finden nur dann statt, wenn dies allen Entscheidungsträgern auch bewusst – und Hand in Hand für die Zukunft des Baumes gearbeitet wird. Auch Dr. Hermann Kolesch, Präsident der LWG, betonte, dass die Stärke in der Gemeinschaft liegt und bedankte sich zudem für die gute Zusammenarbeit, denn „Wenn Sie erfolgreich sind, dann machen wir einen guten Job!“.
Auch Dr. Hermann Kolesch, Präsident der LWG, betonte, dass die Stärke in der Gemeinschaft liegt und bedankte sich zudem für die gute Zusammenarbeit, denn „Wenn Sie erfolgreich sind, dann machen wir einen guten Job!“.

Hitzestress das eine – handwerkliche Fehler das andere

Bei Außentemperaturen von bis zu 35 °C schwitzten nicht nur die Teilnehmer des Gehölztages. „Unsere Bäume, vor allem die in der Stadt, haben es bei Temperaturen wie heute zunehmend schwerer“, betonte Klaus Körber. Vielmehr fühlen sich die Bäume durch die Sonneneinstrahlung in Kombination mit der Hitzerückstrahlung von Gebäuden und Teerflächen wie im Backofen. „Misst man an Tagen wie heute die Temperatur direkt am Baumstamm, sind 50 °C und mehr nichts Besonderes“, so Körber. Und auch in der Nacht wird es nicht besser: Denn der Baum kommt in den Tropennächten mit Temperaturen von über 20 °C nicht zur Ruhe, kann nicht abschalten. So arbeitet er auch die Nacht durch und verbraucht unnötige Energie. Doch nicht nur die Hitze setzt den Bäumen mehr und mehr zu, das Problem liegt viel tiefer, nämlich an der Wurzel. Denn oftmals sind schon die Baumgruben viel zu klein und vor allem durch Leitungen und Rohre sowie durch im Erdreich verborgen liegende historische Fundamente und Straßen räumlich nach unten begrenzt.
„Das wirkt sich nicht nur auf die Standfestigkeit der Bäume aus“, gibt der LWG-Sachgebietsleiter zu bedenken. Und als wäre dies nicht schon genug, führt eine Verdichtung des Erdreiches dazu, dass den Wurzeln die Lebensgrundlage genommen wird. „Die Wurzeln sind die Lebensader der Bäume und auf einen lockeren, wasser- und sauerstoffdurchlässigen Boden angewiesen“, so der Gehölzexperte. Durch die Bodenverdichtung, welche u. a. durch das Überfahren der Pflanzfläche oder das Abstellen von Fahrzeugen und Waren hervorgerufen wird, erhält der Baum nicht nur kaum lebensspendendes Nass, sondern kann auch das produzierte Kohlenstoffdioxid (CO2) über die Wurzeln nicht ausscheiden. Das Ergebnis: der Baum erstickt und stirbt langsam ab.
„Durch handwerkliche Fehler bereits beim Pflanzen, steht der Baum schon von Anfang an auf ungesunden Füßen und leidet in Kombination mit dem Hitzestress doppelt und dreifach“, betonte Klaus Körber. Dabei sind es die kleinen Dinge, die Großes bewirken. So führt beispielsweise schon das falsche Abladen des Baumes zu durchaus vermeidbaren Stammschäden, die sich nie mehr vollständig revitalisieren lassen. Ein beliebter Fehler ist zudem auch das zu tiefe Einpflanzen. „Jeder kennt den grünen Punkt. Es wird langsam Zeit, dass für den Baum der rote Punkt eingeführt wird“, so Körber. So könnte durch das Anbringen des Punktes knapp oberhalb des Wurzelanlaufs am Stamm die maximale Einsetztiefe des Setzlings nach dem Motto ´Punkt sichtbar – alles gut´ farblich markiert werden.
In den verschiedenen Vorträgen versuchten die LWG-Mitarbeiter bei den interessierten Zuhörern ein Bewusstsein für diese scheinbaren Kleinigkeiten, die den Bäumen aber den Einstieg ins Leben deutlich erleichtern würden, zu schaffen. „Was wir brauchen, ist eine grundsätzliche Wertschätzung für die Bäume, die unser Handeln steuert“, gab Klaus Körber den Baumexperten mit auf den Weg. Aber auch die kontinuierliche Baumpflege und dabei vor allem die Wasserversorgung spielt eine zentrale Rolle. „Wie schicken Sie Ihre Kinder in die Sonne? Natürlich eingecremt!“, stellte Körber in den Raum. Denn Wasser ist für Bäume das, was die Sonnencreme für den Menschen ist. Das natürliche Wasser von oben ist aber jedoch Mangelware und eine künstliche Bewässerung, nicht nur von Jungbäumen in den ersten fünf Jahren, unabdingbar.

Der Zukunftswald steht in Veitshöchheim

Mit 31 Hitzetagen bei Durchschnittstemperaturen von bis zu 40 °C (im Jahr 2015) und einem pH-Wert des Bodens von 7,3 testet die LWG am Versuchsbetrieb Stutel über 130 vielversprechende Zukunftsbäume nahezu unter den gleichen Bedingungen wie in Innenstädten. Und die weitere Entwicklung der jetzt schon bedenklichen Werte zeichnet ein noch viel düsteres Bild: So sind für Würzburg bis Ende des Jahrhunderts 50 Tage im Jahr mit deutlich über 30 °C prognostiziert. Im Vergleich: vor einhundert Jahren waren es gerade einmal zwei Tage. „Der am Stutel durchgeführte Langzeitversuch ist ein fließender Prozess. So können Bäume, die sich über Jahre tapfer geschlagen haben und vielversprechend waren, beispielsweise durch Spätfrost stark geschädigt werden was ihre Verwendung deutlich einschränkt. Gleichzeitig werden neue, zukunftsträchtige Sorten gepflanzt“, erläuterte Körber.
In der Regel handelt es sich bei den Bäumen dabei um ausländische Sorten, häufig aus dem Kaukasus oder aus den Trockenregionen Asiens und Nordamerikas. „Viele der heimischen Baumarten sind den steigenden Temperaturen nicht mehr gewachsen und schon deutlich am Limit“, betonte Claudia Taeger, LWG-Mitarbeiterin und Baumschulgehilfin. Sie ist verantwortlich für die Anzucht der vielversprechenden Bäume und führt die regelmäßigen Bonituren und Versuchsauswertungen der Klimagehölze durch. Im Projekt Stadtgrün 2021 untersucht die LWG derzeit zudem an drei urbanen bayerischen Standorten (Würzburg, Hof / Münchberg und Kempten) Zukunftsbäume auf ihre Klimastresstoleranz. Dafür wurden insgesamt 660 Bäume gepflanzt. Die Standorte wurden dabei nach ihren klimatischen Besonderheiten, also hohe Trockenheit (Würzburg), verstärkte Frostgefahr (Hof / Münchberg) sowie ideale Rahmenbedingungen mit großen Niederschlagsmengen (Kempten) gewählt. „Unser Ziel ist es, eine künftige Empfehlung geben zu können, welche Baumarten sich für welchen Standort eignen“, so Taeger. Denn der Baum muss nicht nur hitzestresstolerant sein, sondern auch zum Standort passen.
Bei einem Gang über die Schauflächen des Versuchsbetriebes am Stutel, konnten sich die interessierten Besucher selbst ein Bild von den Bäumen von morgen machen, die vielleicht bald das Stadtbild prägen werden. „Das Grün in der Stadt muss eine Zukunft haben. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, dass uns das auch gelingt“, so Klaus Körber. Damit dafür auch die Rahmenbedingungen passen, wird am Standort Stutel investiert. Mit einer Gesamtbausumme von rund 3,8 Mio. € entstehen ab 2018 auf dem Versuchsgelände ein neuer Bürotrakt sowie eine moderne Maschinenhalle. „Die Investition zeigt, wie wichtig und zukunftsweisend der Versuchsbetrieb ist. Der Neubau ist ein ganz klares Bekenntnis zum Stutel und eine langfristige Investition in die Zukunft“, so Dr. Hermann Kolesch.

Bäume würden am liebsten nur noch schreien

„Ich möchte Ihnen Tipps und Tricks beim Schneiden von Bäumen vermitteln und Ihnen ganz genau sagen, wie man es nicht machen sollte. Ich werde dabei sehr direkt sein, denn ich bin es leid, was unseren Bäumen angetan wird“, mit diesem Einstieg fand Peter Uehre gleich zu Beginn direkte und harte Worte an die Zuhörer. Als Mitarbeiter der Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau in Münster-Wolbek (Nordrhein-Westfalen) ist Peter Uehre nicht nur verantwortlich für das Themenfeld Baum, sondern betreibt zudem auch eine eigene Baumschule. Als Experte in Sachen Baumschnitt weiß er daher ganz genau, wo er hinschauen muss: „Wenn man durch Städte aber auch über das Land fährt sieht man Dinge, die man lieber nicht sehen möchte. Wenn ein Baum schreien könnte, würde er in vielen Fällen die ganze Zeit schreien“, so Uehre. Denn wurde der Baum gesetzt, wird oft über Jahre keine aktive Baumpflege betrieben. Dabei ist gerade im Jungwachstum des Baumes eine kontinuierliche Schnittkorrektur notwendig. „Wird ein Baum gepflanzt, muss der Verantwortliche über 100 Jahre im Voraus denken“, betonte der Schnittexperte. Denn steht der Baum beispielsweise an der Straße, gilt es das Lichtraumprofil, also einen entsprechend Sicherheitsabstand der Äste zum Straßen- und Fußgängerverkehr, einzuhalten. „Oftmals wird aber erst dann gehandelt, wenn es bereits zu spät ist“, ärgerte sich Uehre. So werden dicke, tragende Äste schlicht abgesägt oder, noch schlimmer, von vorbeifahrenden Lastkraftwagen abgerissen.
„Durch einen vorausschauenden Blick und den damit verbundenen regelmäßigen Schnitt, könnte dies alles verhindert werden“, so der Münsterländer. Ein richtiger und regelmäßiger Baumschnitt kommt dabei nicht nur der Gesundheit der Bäume zu Gute sondern auch der Haushaltskasse von Städten und Gemeinden. „Durch eine Vernachlässigung des Baumschnittes wird am falschen Ende gespart. Denn die Ersparnis zahlt man am Ende doppelt zurück“, so Peter Uehre. Denn das Entfernen der großen, dicken Äste ist wie eine Amputation und öffnet oftmals Schädlingen oder Pilzen Tür und Tor. Die Folge: Der Baum wird krank, stirbt langsam, ab und muss ersetzt werden. Vitalität und Entwicklung der Bäume werden durch den richtigen Schnitt maßgeblich beeinflusst. So zeigte er Bilder von Bäumen mit und ohne fachmännischen Schnitt. Was dabei sofort ins Auge fiel, war die unterschiedliche Ausprägung der Baumkrone. „Erst durch den Schnitt, wird ein Baum auch zu einem Baum“, betonte der Experte. Beim direkten Vergleich der Baumblätter fiel zudem auf, dass der geschnittene Baum wesentlich größere und grünere Blätter trug. Im praktischen Teil der Tagung führte Uehre Schnitttechniken im Zukunftswald auf dem Gelände des Versuchsbetriebes Stutel am lebenden Objekt vor und beantwortete die Fragen des Fachpublikums.

Bäume und Bienen gehören zusammen

Frei bauende und in den Ästen hängende Bienenvölker wie beispielsweise in Afrika oder Südostasien gibt es bei uns nicht. „Derzeit gibt es in Deutschland keine wildlebende Honigbienenvölker, da durch den Varroa-Schädling ein Überleben des Volkes ohne entsprechende Maßnahmen durch den Imker nicht möglich ist“, erläuterte Dr. Ingrid Illies, stellvertretende Leiterin des LWG-Fachzentrums Bienen. Dennoch gehören Bienen und Bäume zusammen, sind Bäume doch ein interessanter Pollen- und Nektarlieferant. In ihrem Vortag stellte die Bienenexpertin daher Baumarten vor, auf die die Hautflügler besonders fliegen. So ist die heimische Linde für die Bienen wie das Oktoberfest mit Freibier. Ein Freibier, das es mit steigenden Temperaturen in naher Zukunft in Städten etwas seltener geben könnte. Denn auch die Linde kommt mit den hohen Temperaturen zunehmend an ihr Limit. „Gerade in Ballungszentren leben mehr Bienen als von vielen angenommen wird. So ist das Ruhrgebiet die Region mit der größten Bienenvolkdichte“, erläuterte Dr. Illies. Denn die Menschen haben sich schon immer Bienen an den Orten gehalten, an denen sie auch gelebt haben.
Damit auch die Innenstädte in Zukunft attraktiv für die Bienen bleiben, sind nun neue, hitzestressresistentere Baumarten gefragt. Ein potentieller Kandidat ist der Schnurbaum (Sophora japonica). Die asiatische Baumart ist bei den Bienen nicht nur sehr beliebt, sondern erfüllt gleichzeitig einen sehr hohen Nutzen. So bietet der von Juli bis August weiß blühende Baum genau dann ein Nahrungsangebot für die Bienen, wenn die neue Brut ansteht und das Nektar- und Pollenangebot der heimischen Pflanzen erschöpft ist. „Unser Ziel muss es daher sein, diese Bäume noch attraktiver für die Stadt zu machen, um so auch die Artenvielfalt in den Städten zu halten. Denn da wo grün ist, ist auch Leben“, so Dr. Ingrid Illies.
Herr Dr. Kolesch begrüßt die Tagungsteilnehmer

Dr. Hermann Kolesch

Tagungsteilnehmer

Tagungsteilnehmer

Klaus Körber bei seinem Vortrag

Klaus Körber

Claudia Taeger bei seinem Vortrag

Claudia Taeger

Peter Uehre bei seinem Vortrag

Peter Uehre

Dr. Ingrid Illies und Klaus Körber bei seinem Vortrag

Klaus Körber (links) und Dr. Ingrid Illies (rechts)

Führung durch die Versuchsflächen

Führungen durch die Versuchsbetrieb am Stutel

Führungen durch die Versuchsflächen

Schnittvorführung

Peter Uehre, Demonstrationen

Peter Uehre zeigte verschiedene Schnitttechniken

Demonstrationen

Weiterbildung am Praxisversuch

Jetzt schon notieren:
Der nächste Gehölztag der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau findet im Sommer 2019 statt.
Als Schwerpunktthema wurden diesmal die Rosen und ihre Begleitpflanzen gewählt.