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Okulieren - eine Möglichkeit der Veredlung


Baumobstarten und viele Ziergehölze werden sortenecht durch Veredlung vermehrt. Bei älteren Exemplaren kann man das Pfropfen vornehmen. Jüngere Unterlagen werden durch Okulieren bevorzugt veredelt. Dabei wird ein Auge der gewünschten Edelsorte in eine Öffnung der jungen Unterlage eingefügt. Für eine erfolgreiche "Operation" sind folgende Punkte zu beachten:

Verträglichkeit von Unterlage ("Wildling") und Edelsorte

Beide Partner entstammen der gleichen Art (Apfel-Edelsorte und –Unterlage, z. B. Sämling oder Typen-Unterlagen wie M 9, M 27, M 26, A 2 ...) oder sind nahe verwandt (Süßkirschen auf Sauerkirschauslesen wie z. B. Weiroot-Klone oder Birne auf Quitte, wobei der (besseren) Verträglichkeit wegen die Sorte 'Gellerts Butterbirne' zwischenveredelt wird. Unverträglich sind Kombinationen fremder Arten (z. B. Apfel auf Birne oder auf Steinobst und umgekehrt).

Unterlagenstärke

Ein- bis zweijährige Unterlagen, die ca. 10 mm Durchmesser besitzen. Schwächere Unterlagen scheitern, da man kaum das Edelauge einfügen kann. Bei sehr starken und vor allem mehrjährigen, verholzten Unterlagen sollten andere Veredlungsarten (z. B. Geißfuß) angewendet werden.

Zeitpunkt der Veredlung

Am sinnvollsten ist eine Okulation Ende Juli bis Ende August (= Okulation auf das "schlafende" Auge) solange die Rinde noch löst – was im Übrigen auch ab Austrieb der Fall ist (Okulation auf das treibende Auge im Mai). Da das Edelauge ausgereift sein muss, kommt der Spätsommerveredlung die größte Bedeutung zu. Dabei wächst das eingesetzte Auge nur noch an und treibt im Herbst nicht mehr aus – es würde sonst erfrieren. Vorteilhaft ist, dass die Edelreiser nicht gelagert werden müssen, was bei dem Mai-Termin hingegen problematisch ist.

Kontakt der Kambiumflächen von Edelauge und Unterlage

Nur das teilungsfähige Gewebe (= Kambium), das zwischen Holzteil und Rinde liegt, ermöglicht ein Zusammenwachsen beider Partner. Störend sind hingegen Holz- oder Rindengewebeflächen.

Richtige Vorgehensweise

T-Schnitt an Unterlage, das fachgerechte Herauslösen des Edelauges aus dem Edelreis, das Verbinden und die im Folgejahr nach dem Austrieb fachgerechte Nachbearbeitung sind für ein erfolgreiches Veredeln ebenso unabdingbar.

Qualität des Edelauges

Das Edelreis muss gesund sein (z. B. frei von Virus, Krebs, Mehltau, Verbräunung ....), was im übrigen auch für die Unterlage gilt, darf nicht verwelkt, seine Augen nicht ausgetrieben sein. Bei Sommerokulation muss es ausreichend ausgereift sein: am besten nimmt man Augen aus dem mittleren Bereich eines diesjährigen Neutriebes, der ca. bleistiftstark ist. Wasserschosse sind ungeeignet. Das Edelreis wird bis auf einen 1 cm langen Blattstielstummel vorsichtig entblättert, sofort kühl und feucht gehalten. Die Okulation findet sobald wie möglich statt.

Vorbereitung

Ca. 10 bis 14 Tage vor dem Okulieren sollten im Bereich der Veredlungsstelle alle Seitentriebe der Unterlage (Wildling) mit dem Messer sauber weggeschnitten werden. Bodennahe Veredlungsstellen werden mit einem Lappen von anhaftenden Schmutzpartikeln gesäubert.

Vorgehensweise

  • Entblättertes Edelreis, bei dem noch kleine Blattstielstummel verblieben sind: aus dem mittleren Bereich dieses diesjährigen Triebes werden Edelaugen zum
    Okulieren entnommen.
  • Entnahme des Edelauges: der Zeigefinger hält das Edelreis umgekehrt, d. h. dessen Spitze zeigt zum Körper hin. Ca. 1 bis 1,5 cm unterhalb einer Knospe beginnend unterschneidet das Veredlungsmesser mit
    einem flachen, ziehenden Schnitt das Auge.
  • Der Messerrücken hält das ausgelöste Edelauge fest. Die Schnittfläche nicht mit den Fingern berühren, sondern nur das Ende des "Spans" oder den Blattstielstummel.
  • Holzige Teilchen werden vom Edelaugenschild abgelöst, so dass die Kambiumfläche des Augenschildchens freiliegt.
  • An der Unterlage wird in der gewünschten Höhe (Rosen im Wurzelhals; Baumobst in ca. 10 bis 20 cm Höhe) ein T-Schnitt durchgeführt: Das Messer dabei längs ca. 2 bis 3 cm, quer: knappe Durchmesserstärke eindrücken.
  • Die Lasche des T-Schnitts wird vorsichtig mit dem Rindenlöser geöffnet. Lässt sich die Rinde nicht sauber vom Holzteil abheben, ist der Zeitpunkt falsch (zu früh oder zu spät).
  • Das Edelauge wird vorsichtig in die geöffnete T-Lasche geschoben. Es soll mittig sitzen. Der oben (über dem Querschnitt) überstehende Teil des Spans wird dann noch am Querschnitt abgeschnitten.
  • Beim Verbinden – am besten mit Gummiband von oben nach unten eng anliegend – ist zu beachten, dass das Edelauge frei bleibt. Bast ist auch möglich. Ein Verstreichen mit Wundwachs ist nicht erforderlich.
  • Alternativ: Bei Verwendung der OSV- (Okulier-Schnell-Verschluss-) Plakette wird diese eng über die gesamte Veredlungsstelle gezogen und an der Rückseite geklammert. Das Edelauge ist dabei "eingepackt".

Links T-Schnitt, rechts Auslösen des Edelauges

Foto links:
T-Schnitt an der Veredlungsunterlage

Foto rechts:
Auslösen des entblätterten Edelauges am Edelreis

links Entfernen holziger Spanteile, rechts Einschieben in die T-Flügel

Foto links:
An der Schnittstelle des Edelauges werden holzige Spanteile entfernt.

Foto rechts:
Einschieben des Edelauges in die mit dem Messer vorher leicht gelösten T-Flügel.

Verbinden des eingesetzten Edelauges

Foto links:

Verbinden des eingesetzten Edelauges - am besten mit dem OSV-Schnellverschluss, der an der Rückseite geklammert wird.


(alle Aufnahmen: Wilhelm Straßberger)

Hinweis:

3 bis 4 Wochen nach der Veredlung kann man erkennen, ob diese erfolgreich war: fällt der verbliebene Blattstielstummel bei leichter Berührung ab, so ist das Augenschild mit der Unterlage verwachsen. Beim Misserfolg hingegen vertrocknen die Blattstielstummel ohne abzufallen.



Veröffentlicht in: Landwirtschaftliches Wochenblatt, Ausgabe 31/2004



Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau
Abteilung Gartenbau, Sachgebiet Obstbau, H. Siegler