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Tafeltrauben: innovative Sorten und Anbauhinweise
Die EU-Reform der EU-Weinmarktordnung im Jahr 2000 erlaubt nun auch in Deutschland den erwerbsmäßigen Anbau von Tafeltrauben. Chancen bestehen für den heimischen Anbau in der Verwendung pilzwiderstandsfähiger ("PiWi") Sorten, die bezüglich Fungizideinsatz günstiger einzustufen sind. Dieser Fakt gilt als wichtiges Kriterium gegenüber der Importware, die hinsichtlich Überschreitung von Höchstmengen an PSM-Rückständen immer wieder für Schlagzeilen in der Presse und Vorbehalte beim Verbraucher sorgt.
Als weitere entscheidende Vorteile dieser "neuen Obstart" gelten die Aspekte "regional" (contra CO2-schädlichem Transport aus z.B. Südeuropa) sowie "frisch" und v.a. "vollreif" geerntet mit ausgeprägtem Aroma.
Bei der Versuchsanstellung seit 2002 an der Bayer. Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) wurde auf die damals erhältlichen Tafelsorten zurückgegriffen. Einige davon sind aufgrund der Optik und Beerengröße inzwischen nicht mehr "1. Wahl" für den Erwerbsanbau, sondern eher für den Haus- und Kleingartenbereich zu gebrauchen. Durch die intensiven Kontakte zu osteuropäischen Rebschulen bzw. Anbauer und der intensiven Züchtung kamen auch viele Neuheiten in das Sortiment deutscher Rebschulen.
Versuche und Erfahrungen aus Veitshöchheim
Gemeinsam mit der Abteilung Weinbau der LWG werden die Versuche (Sortenprüfung, Erziehungssysteme, Überdachung, Pflanzenschutzbehandlung) im Obstbauversuchsgelände "Stutel" (Gemarkung Thüngersheim) durchgeführt. Standort: Lehmiger Sand, wenig Humus (1,2 %); pH-Wert 7,2. Jahresniederschlag: 560 mm (langjähriges Mittel), seit 1989: 582 mm, jedoch sommertrocken (April – Oktober 200 – 250 mm; davon jährliche Perioden von 3 – 4 Wochen ohne oder nicht relevante Regenfälle). Jahresdurchschnittstemperaturen: 8,7°C langjähriges Mittel – seit 1989: 9,7°C. Im Winter meist keine Schneeauflage, somit Barfröste. Wie bei allen anderen Obstarten ist Zusatzbewässerung zur Erzeugung guter Fruchtqualitäten unter diesen Bedingungen unerlässlich. Sie erfolgt über Tröpfchenbewässerung, die nach Erfahrung gesteuert wird: bei Trockenheit 2 – 3 x pro Woche; pro Stock und Gabe ca. 15 l über 2 Tropfer je Pflanze ausgebracht.
Das Screening der Sorten (1. Prüfstufe) erfolgt am Spalier (Bogenerziehung) als einfaches Erziehungssystem; bei Keltertrauben üblich. Pflanzabstand: 2 m x 1,5 m. Nachteil: Trauben wachsen in Drähte ein -> schwierige Ernte; Fruchtverletzungen, erhöhte Sonnenbrandgefahr. Die 2. Prüfstufe der besten Sorten wird in der Pergola-Erziehung (T) und/oder im überdachten Lyra-System (V) durchgeführt. Wir favorisieren trotz höherer Material- und Arbeitskosten für die Anlagenerstellung das "T": die Trauben hängen frei -> höhere Ernteleistung, keine Fruchtbeschädigungen durch Drähte bzw. Sonnenbrand; vereinfachte Laubarbeiten; Abstand: (2,5 -) 3m x 1,25 m. Das Arenenberger-V und Schrägdach-Systeme wurden 2009 installiert. Der Reihenabstand wird bei Obstbaubetrieben jedoch von den dort eingesetzten Maschinen und Geräten bestimmt. Die Fruchtausdünnung sollte möglichst früh erfolgen (Ende Juni, spätestens Anfang Juli), wenn die Jungfrüchte halbe Erbsengröße erreicht haben und das Verrieseln der Trauben abgeschätzt werden kann. Wir dünnen auf 1,5 Trauben pro Fruchtrute aus (abwechselnd 1 und 2 passende Trauben belassen). Je nach Erziehung verbleiben pro Stock 8 – 10 (12) Fruchtruten; folglich 12 – 15 Trauben. Es hat sich gezeigt, dass meist zu viele Früchte hängen bleiben. Dies resultiert – wie bei anderen Obstarten auch – in minderen, v.a. inneren Fruchtqualitäten, ungleicher Ausreife und Stress für den Rebstock (Ausreife, Frosthärte, induzierter Magnesium-Mangel …). Wenn man von Traubengewichten von 400 (500) g ausgeht ergibt sich ein theoretischer Hektarertrag von 18 – 22 Tonnen abzüglich Ausfälle. Dies ist v.a. bei großbeerigen und –traubigen Sorten eindeutig zu viel (anzustreben: 12 – 15 t).
Im Nährstoffbedarf orientieren wir uns an den Sollwerten pro ha nach HUGENTOBLER LBBZ Arenenberg (Schweiz): 70 – 80 kg N, 40 – 50 kg P205, 100 – 120 kg K2O und 25 – 30 kg MgO. Die tatsächlichen Bodengehalte sind einzubeziehen. Nach eigenen Erfahrungen reichen 50 (– 60) kg N. Zu viel Stickstoff fördert u.a. das Verrieseln der Trauben. Phosphor- und Kaliwerte können ebenfalls reduziert werden; Magnesium hingegen nicht!
Im Pflanzenschutz kamen bis einschließlich 2007 konventionelle Mittel mit der Indikation "Tafeltrauben" zum Einsatz.
Tab. 1) Wichtige Schaderreger
Pflanzenschutz
| Kräuselmilben |
1 x Schwefel |
| Traubenwickler |
2 Generationen; Mimic, Runner - in isolierten Lagen je nach Befallsdruck mit Verwirrung RAK 1 + 2 und/oder B.-t.-Präparaten |
| Echter und Falscher Mehltau (F.M.) |
2-4 x ; Mittel wie Collis, Flint, Discus, Topas bzw. Schwefel, Cueva gegen E.M. bzw. Cueva, Dithane NeoTec, Forum, Mildicut, Polyram WG u.a. gegen F.M. |
| Botrytis |
1 - 2 x, z.B. Cantus, Teldor, Switch |
Die letzte Behandlung erfolgte jährlich jeweils 48 – 55 Tage vor Erntebeginn der Frühsorten. Untersuchungen auf PSM-Rückstände an der LGL Erlangen ergaben eine deutliche Unterschreitung der erlaubten Rückstands-Höchstmengen.
Seit 2008 werden Mittel des biologischen Pflanzenschutzes eingesetzt; ab 2009 Bio-Produktion (Umstellungsphase). Trotz PiWi-Sorten muss der Standort sorgfältig ausgewählt werden: vollsonnig (Süd-/SO-Lagen), nicht direkt in Tallagen von Flüssen und Seen (erhöhte Nebelgefahr im Herbst -> höherer Pilzdruck).
Zu beachten ist, dass benachbarte Weinberge einen gewissen, meist hohen Schaderregerbefallsdruck (Pilze, Wickler) erzeugen, der ggf. in isolierten, bisher nicht weinbaulich genutzten Gebieten hingegen geringer eingeschätzt werden kann.
Bei frühen und mittleren Sorten nehmen die Probleme mit Ohrwürmern und Wespen zu. An der LWG erwies sich die Wespenfalle "Attrafall" mit ihrem sehr fängigen Ködermittel aus natürlichen Substanzen als sehr wirksam gegen Wespen. Dabei muss jedoch eine Ausbringung mindestens 3 Wochen vor der Ernte erfolgen. Wer seine Anlagen überdacht, kann durch Hagelschutznetze an Rand- und Stirnseiten Wespen und Vögel gleichermaßen abwehren. Im Übrigen bringt die Überdachung auch große Vorteile bezüglich des Pilzbefalles, was v.a. auch im biologischen Anbau die Regulierung von Echtem und Falschem Mehltau enorm erleichtert (siehe Veröffentlichung: Tafeltrauben 2007). Auch in 2009 kein Befall mit Peronospora unter dem Dach - im Freiland hingegen z.T. stark (Spätbefall).
Sorten
An der LWG stehen/standen bislang weit > 100 Sorten/Klone weltweiter Herkünfte. Gerade neue(re) Sorten, meist aus Osteuropa, hinterlassen gute Eindrücke. Folglich müssen strenge Kriterien zur Bewertung angelegt werden. Somit fallen auch früher empfohlene, "lieb-gewordene" Sorten durch das Raster. Hilfreich sind die Verkostungen von zahlreichen Sorten, die jährlich am Veitshöchheimer Tafeltraubentag durchgeführt werden (siehe Grafik 1 + 2) und in unsere Sortenempfehlung mit einfließen. Auch wenn es gewisse Verschiebungen zwischen den einzelnen Jahren gibt, so etablieren sich Sorten wie Palatina, Juliana, Arkadia, Muskat bleu, Frumoasa Alba stets im vorderen Bereich. Fakt ist auch, dass die aus dem LEH zugekauften Sorten ausländischer Herkunft – bis auf ganz wenige Ausnahmen – das "Tabellenende" zieren. Dies bedeutet, dass fast alle heimisch erzeugten, frisch und vollreif geernteten Trauben günstiger einzustufen sind und vom Verbraucher geschätzt werden. Defizite liegen v.a. im Bereich der kernlosen Sorten. Die Reifezeit des Sortiments erstreckt sich von Ende August bis Anfang/Mitte Oktober. Spät reifende Varietäten können nur in Super-Lagen bzw. unter Überdachung kultiviert werden. Dennoch besteht ein gewisses Risiko v.a. durch ungünstige Witterung. Daher – und auch zur Einengung des Sortenspektrums – sind wir der Auffassung, bis auf wenige Ausnahmen nur noch Sorten der frühen und mittleren/mittelspäten Reifezeit zu empfehlen. Durch Lagerungsmöglichkeiten lässt sich der Angebotszeitraum dennoch bis in den November hinein ausdehnen.
Mögliche Aufteilung der Sorten nach der Beerenfarbe: ca. 60 – 65% "weiß", ca. 30% blau, 5% rosé / Besonderheiten. Wie erwähnt sollten nur PiWi-Sorten Verwendung finden, denn nur sie können den langen Zeitraum von Abschlussbehandlungen im Juli bis zur Ernte befallsfrei überstehen.
Tab. 2) Sorteninformationen
Sorteninformationen aus Sicht der LWG Veitshöchheim
Sorten der "1. Stunde" wie Birstaler Muskat, Königliche Esther, Nero, Fanny, Lilla und New York haben durch neuere Sorten Konkurrenz bekommen, so dass wir diese nicht mehr als Hauptsorten einstufen. Je nach Umfang des Sortiments (3 oder 4 – 5 Sorten) sind Palatina, Frumoasa Alba, Juliana oder Arkadia, Muscat bleu und bei den kernlosen Sorten Tonia erste Wahl. Für Biobetriebe Muscat bleu, (noch) New York, Birstaler Muskat oder Palatina sowie Frumoasa Alba.
Viele Neuheiten kamen in den letzten 4 Jahren zur Anpflanzung. Gute Ersteindrücke hinterließen dabei die kernlosen Sorten Venus, Rhea, Millennium, Artemis, so dass sich hier künftig Alternativen zu New York und Tonia abzeichnen könnten, sofern sich die positiven Eigenschaften der ersten Früchte bestätigen. Mit viel Spannung und Erwartung sehen wir auch den neuen Sorten der Rebschule Wolf entgegen.
Wer Besonderheiten für seinen Betrieb braucht (z.B. für Buffets oder Dekorationen), könnte die originellen, dattelförmigen, spitzovalen Sorten wie 'Original' (zweifarbig: gelbgrün mit roséfarbener Backe) oder 'Souvenir' (tief dunkelblau) einbeziehen.
Trauben, die verletzt oder durch Witterungseinflüsse qualitativ negativ beeinflusst sind, können zu Saft und Brand verarbeitet werden – hingegen nicht zu Most, Wein und seit 01.08.2009 auch nicht mehr zu Federweißem.
Fazit
Der Anbau von Tafeltrauben steckt in Deutschland noch in den Anfängen, obwohl diese "neue Obstart" mit vielen positiven Attributen besetzt ist. V.a. für direkt absetzende Betriebe bietet sie die Möglichkeit, sich positiv darzustellen, das Sortiment attraktiv, abwechslungsreich und innovativ zu gestalten. Wenn der Kunde heimische, frische, voll ausgereifte Tafeltrauben erwerben kann, ist er begeistert. Doch die Bekanntheit dieser Innovation ist beim Verbraucher noch nicht angekommen! Daher muss viel Werbung betrieben werden ("predigen wie ein Missionar!"). Die lokale Presse greift derartige Innovationen gerne auf, so dass die Betriebe Bekanntheit erlangen.
Im indirekten Absatz ist der Weg noch sehr weit. Der LEH greift bislang kaum auf heimische Tafeltrauben zurück. Hauptgründe hierfür sind fehlende Mengen, ungenaue Erntefixierung Wochen voraus für Webeaktionen zu bestimmten Terminen; im Vergleich zu Importware höhere Preise (der Deckungsbeitrag heimischer Tafeltrauben liegt um 0,85 – 0,90 €/kg). Jedoch können LEH-Betriebe mit regionalen Produkttheken den Einstieg ermöglichen.
Manche Obstbauer sehen die Tafeltraubenkultur etwas skeptisch, da sie im Vergleich zu Baum- und Strauchobst etwas anders kultiviert wird und eine Konkurrenz in der Erntespitze zu Kernobst, Spätzwetschgen und Herbsthimbeeren bedeuten.
Der anfängliche Sortenspiegel befindet sich im Umbruch. Eine Reihe von Neuheiten zeigen qualitative Vorteile. Für die Etablierung neuer Sorten ist es wünschenswert, dass die Praxis einige für den versuchsweisen Anbau eingestufte Sorten mit einbezieht, damit Erfahrungen aus anderen Regionen mit unterschiedlichen klimatischen Konditionen in die Sortenbewertung einfließen können.
Bei den von den Kunden – v.a. Familien mit Kindern – bevorzugten kernlosen Sorten zeichnen sich Hoffnungsträger ab. Auch positiv aufgefallene kernarme Sorten wie Juliana, Arkadia, Kodrianka bzw. Drusba und Irinka können dabei weiterhelfen. Weitere Informationen (Sortenbilder, Überdachung …) können Sie auf der Homepage unter www.lwg.bayern.de > Gartenbau > Obstbau nachlesen.
Tab. 3) Wichtige Anforderungen an Tafeltrauben
Wichtige Anforderungen an Tafeltrauben
| Allgemeine Eigenschaften |
Pilz-widerstandsfähige Sorten, langes Erntefenster, gute Lagereigenschaften |
| Pflanzgut |
Nur veredelte Stöcke pflanzen (Reblaus-Verordnung) |
| Optik, Geschmack, Mundeindruck |
Trauben: groß, schöne Form; Beeren locker angeordnet |
| Beeren: |
(mittel-)groß, knackig festes Fruchtfleisch, keine zähe Fruchthaut; süß-milde Säure, saftig; keine Fremdaromen (z.B. starker Fox-Ton); gesund; keine Spritzflecken, keine Pigmentierung! Keine oder wenig Kerne
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Ergebnisse der Verkostung von Tafeltrauben 2007 / 2008
Verkostungen 2007 u. 2008 (Excel-Graphiken)
Hinweis: Der sonst übliche Veitshöchheimer Tafeltraubentag findet heuer am 09.09.2009 im Praxisbetrieb Armin Braun, Bergrheinfeld-Garstadt (Landkreis Schweinfurt, nahe der BAB 70) statt. Details auf der LWG-Homepage (> Termine).
Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau Abteilung Gartenbau, Sachgebiet Obstbau und Baumschulen, Hubert Siegler, email: hubert.siegler@lwg.bayern.de
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