Pressemitteilung - 23. Januar 2018
Ein Zufall, der Geschichte schreiben könnte

1895 entdeckte Physiker Conrad Röntgen beim Experimentieren mit Kathodenstrahlen die nach ihm benannten Röntgenstrahlen. Knapp 30 Jahre später, 1928, arbeitete Bakteriologe Alexander Fleming mit Staphylokokken (Krankheitserreger u. a. bei Lungenentzündung) und entdeckte dabei das Penicillin. Diese Zufallsentdeckungen haben die menschliche Medizin revolutioniert und seitdem unzählige Menschleben gerettet. Doch 2018 könnte ganz im Zeichen der Tiermedizin stehen: Denn Lithiumchlorid könnte das lang gesuchte Heilmittel gegen die Varroa-Milbe, den Bienenschädling Nummer 1, werden, und nach Jahren des Bangens wieder für einen Hoffnungsschimmer bei den Imkern sorgen. Forscher der Universität Hohenheim (Baden-Württemberg) haben die vermeintliche Wunderwaffe im Rahmen eines Forschungsprojektes Ende 2017 per Zufall entdeckt. Unterstützt wurden die Forscher aus Hohenheim dabei von den Experten des Institutes für Bienenkunde und Imkerei der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) in Veitshöchheim.

Kampf der Varroa-Milbe
Lithiumchlorid, diesen Namen sollten Sie sich merken: Das Mittel, das vor etlichen Jahren auch als Bestandteil von Szenegetränken als Stimmungsaufheller genutzt wurde und seit Mitte des 20. Jahrhunderts als Antidepressivum zum Einsatz kommt, könnte künftig auch unsere Honigbienen glücklicher machen – und der Varroa-Milbe den Kampf ansagen. Seit über 40 Jahren sorgt der aus Südostasien eingeschleppte Schädling für große Sorgenfalten bei den Imkern. So zählt die Varroa-Milbe (lat. Varroa destructor) weltweit zu den gefährlichsten parasitären Bienenkrankheiten. „Neben der immer weiter abnehmenden Nahrungsverfügbarkeit durch Flächenfraß sowie für Bienen unattraktiven Agrarkulturen und den Pflanzenschutzmitteln gehört die Varroa-Milbe zu den Top 3 der Bienenbedrohungen“, so Dr. Stefan Berg, Leiter des Institutes für Bienenkunde und Imkerei an der LWG Veitshöchheim. Doch mit angesäten Bienenweiden und Blühstreifen, die für ein abwechslungsreiches und reichhaltiges Nahrungsangebot sorgen, könnte auch Lithiumchlorid – in nicht unerheblichem Maß – zum künftigen Bienenwohl beitragen.

Gemeinsam für ein Ziel
Günstig, einfach in der Anwendung und eine Erfolgsquote von über 90 % - klingt zu schön, um wahr zu sein? Doch auch bei Versuchen, die am Institut für Bienenkunde und Imkerei in Veitshöchheim im Rahmen des Gemeinschaftsprojektes ´BeePax´ durchgeführt wurden, zeigte sich der durchschlagende Erfolg der Lithiumverbindung. Der Einsatz des Lithiumchlorids ist dabei ´easy going´, denn das Mittel kann in flüssiger Form über das Futter an die Bienen gebracht werden – und dabei genügt eine verschwindend geringe Konzentration. „Der Einsatz von Lithiumchlorid zur Varroa-Bekämpfung hat gegenüber den herkömmlichen Methoden enorme Vorteile“, freut sich Dr. Stefan Berg. Denn bisher mussten die Imker zur Behandlung des Varroa-Befalls ihrer Völker zu organischen Säuren, ätherischen Ölen oder gar synthetischen Mitteln greifen. Die Anwendung dieser Mittel ist zeitaufwändig und die Erfolgsquote abhängig von äußeren Bedingungen wie Temperatur und Luftfeuchte.

Durch Zufall entdeckt
Dabei wurde die Wirkung des Mittels, das aus dem Leichtmetall Lithium (geschätzter weltweiter Vorrat über 40 Millionen Tonnen) gewonnen wird, durch reinen Zufall entdeckt. „Große Probleme wie der Befall mit der Varroa-Milbe lassen sich nur durch übergreifende Zusammenarbeit lösen, denn der Schädling macht auch vor Landesgrenzen nicht halt“, so Dr. Stefan Berg. Im Forschungsprojekt ´BeePax´ arbeiteten verschiedenste Projektpartner unter der Leitung der Universität Hohenheim zusammen. Forschungsansatz war eigentlich, mittels des RNA-Interferenz-Verfahrens lebenswichtige Gene in der Milbe auszuschalten. „Die Grundidee dabei liegt darin, dass die Milbe die an die Bienen verfütterten RNA-Stücke aufnimmt und diese mit dem milbeneigenen Genom interagieren, wodurch die Milbe abstirbt“, erläutert Stefan Berg. Doch was sich während der Forschungsarbeit herauskristallisierte, überraschte selbst die Experten: So war es schließlich eine Chemikalie, nämlich Lithiumchlorid, die bei der Isolierung der RNA-Bruchstücke eingesetzt wurde und für den Knock-down der Milbe verantwortlich war.

Potenzial, aber noch viel zu tun
„Die ersten Ergebnisse sprechen eindeutig für sich und sind sicherlich ein enormer Durchbruch. Dennoch ist es noch zu früh, um in völlige Euphorie zu verfallen“, so Stefan Berg. Denn bevor der Wirkstoff seinen Weg zu den Honigsammlern in die Bienenstöcke findet, wird es noch einige Zeit dauern. „Jetzt geht es darum die ideale Dosierung für die Bienen zu finden und vor allem auch etwaige Rückstände im Honig oder Nebenwirkungen auf die Bienen auszuschließen“, betont der Institutsleiter. Dafür werden am Veitshöchheimer Institut für Bienenkunde und Imkerei weitere Testreihen laufen, bei denen mit Kunstschwarmversuchen die Wirksamkeit geprüft wird. Auch laufen bereits erste Gespräche mit Unternehmen, um die Zulassung voranzubringen, damit ein einfach verwendbares Tierarzneimittelpräparat mit großem Potenzial auf den Markt gebracht werden kann.