Pressemitteilung - 09. März 2018
Weinbautage 2018: Der Weinbau steht vor großen Herausforderungen

Biodiversität – Was ist das überhaupt? Spätestens nach dem Besuch der mittlerweile 60. Veitshöchheimer Weinbautage / Weinwirtschaftstage dürfte den teilnehmenden Winzerinnen und Winzern zwar die Antwort darauf leichtfallen – vor allem aber auch eines deutlich geworden sein: Von nichts kommt nichts! Denn um das ´ökologische Armageddon´ zu stoppen, sind auch die bayerischen Winzer gefragt. Auch die Weinberge als historisch geprägte Kulturlandschaft, sind weit mehr als reine Anbauflächen, sondern ökologisch wertvolle Landstriche, die auch von der Gesellschaft und den Weingenießern zunehmend wahrgenommen werden. Über 600 Winzer aus den bayerischen Weinanbaugebieten trafen sich vom 27. bis 28. Februar 2018 in Veitshöchheim, um über aktuelle weinbauliche Themen aber auch künftige Herausforderungen wie die Biodiversität oder die Einführung des Romanischen Klassifizierungssystems zu diskutieren und Einblicke in die aktuelle weinbauliche Forschungsarbeit der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) zu erhalten.

Gehört einfach zusammen: Weinbau & Biodiversität
Biodiversität steht für eine große Vielfalt an Pflanzen, Tieren und Kleinstlebewesen und ermöglicht damit ein stabiles, sich selbst regulierendes Ökosystem, indem die Reben besonders gut gedeihen. Ein Weinberg mit einer hohen biologischen Vielfalt ist die Grundlage für beste Trauben, aus denen lebendige, genussvolle und charakterreiche Weine entstehen. „Unsere Insekten sind daher der Dreh- und Angelpunkt für ein funktionierendes Ökosystem“, machte Christian Deppisch, Institut für Weinbau und Oenologie, bei der Vorstellung des Forschungsprojektes „Weinbau 2025“ deutlich. So spricht der Rückgang der Biomasse von fliegenden Insekten in den vergangenen 28 Jahren von nahezu 80 % eine deutliche Sprache und macht unmissverständlich klar, dass ein sofortiges Handeln gefragt ist.
Ob insektenfreundliche Begrünung von aus der Bewirtschaftung genommenen Randflächen, aufgeschüttete Steinriegel für wärmeliebende Reptilien, gepflanzte Hecken oder vernetzte Grünflächen: Christian Deppisch zeigte auf, mit welchen Maßnahmen das Leben im Weinberg gefördert und langfristig erhalten werden kann. Insgesamt steht der Weinbau damit vor großen Herausforderungen und einer tief greifenden Veränderung der bisherigen weinbaulichen Strukturen – einer Veränderung, die von der Gesellschaft jedoch mehr und mehr gefordert und mit wachsamen Blicken beobachtet wird.

Kulturlandschaft vs. Naturlandschaft
Was ist Landschaft? Mit seiner mehr als 1200-jährigen Tradition hat der Weinbau die Region nachhaltig geprägt und durch seine Einflüsse aus der einstigen Naturlandschaft über die Jahrhunderte eine historisch geprägte Kulturlandschaft geschaffen. „Landschaft bedeutet immer ein Zusammenspiel von Mensch und Kultur mit der Natur“, so Dr. Hermann Kolesch, LWG-Präsident. Mit Natur, Eindruck und Gefühl gliedert sich für ihn die Weinkulturlandschaft in drei, sich gegenseitig bedingende, Dimensionen. Der Weinberg ist nicht nur Nutzfläche und besteht aus mehr als Zeilen und Reben. Er ist schützenswerter Lebensraum und Mythos zugleich: So verdient die Weinwirtschaft zwar rund 250 Mio. Euro im Jahr (2017) durch den Weinverkauf; über 3 Mrd. Euro jedoch mit dem Weintourismus. „Die Zeiten, in denen der Kunde auf den Hof kam, nach einer Weinprobe die Kartons in den Kofferraum lud und wieder von dannen fuhr, sind längst vorbei. Die Kunden von heute sind vielmehr auf der Suche nach Heimat, Tradition und Herkunft“, betonte Dr. Kolesch. „Sie möchten den Wein nicht nur schmecken, sondern mit allen Sinnen regelrecht genießen. Sie möchten die Geschichte dahinter kennen und bei einem Besuch der Weinlagen an den Ursprung, die Anfänge der Weinerzeugung zurückkehren“, so der LWG-Präsident. Denn was bleibt am Ende im Gedächtnis der Besucher? Geradlinige Zeilen oder bunt blühe Weinlagen, in denen das Leben wahrnehmbar summt und brummt? Nur wem es gelingt den Mythos von Natur und Herkunft authentisch auf den Wein zu übertragen und dies auch im Arbeitsalltag zu leben, wird zu den künftigen Gewinnern in der Branche gehören.

Das Wetter soll einer verstehen
Er ist der personifizierte ´Wetterfrosch´ schlechthin: Als Meteorologe steht Karsten Schwanke für die ARD jeden Tag im ´Wetter vor Acht´ vor der Kamera und überbringt mal sonnige, frostige aber auch regnerische und stürmische Botschaften. Die Letzteren werden dabei in den kommenden Jahren wohl zunehmen: „Durch den Klimawandel und die damit einhergehende Erderwärmung werden Unwetter mit Hagel wahrscheinlich häufiger auftreten“, prognostizierte Schwanke den Winzern. Der Klimawandel ist nicht mehr nur eine düstere Prophezeiung sondern Realität: „Die Temperaturkurve geht nach oben. Konkret bedeutet dies, dass es auch weiterhin – in allen Jahreszeiten – wärmer wird“, so Schwanke. In knapp 100 Jahren könnte daher in Franken ein mediterranes Klima, wie wir es von Spanien oder Italien kennen, herrschen. Die Auswirkung auf die Vegetation sei dabei aber bei Weitem nicht abschätzbar.

Wasser – das ´Blaue Gold´
Das Selbstverständnis vom uneingeschränkten Zugriff auf das lebensspendende Nass kam durch die Wasserengpässe in Franken in den letzten Jahren deutlich ins Wanken. Denn im Gegensatz zum südlichen Bayern leidet der Norden verstärkt unter Trockenheit in den warmen Sommermonaten. Mit einem durchschnittlichen Jahresniederschlag von gerade einmal 550 Litern pro m² sowie einer schlechten Wasserspeicherfähigkeit der größtenteils flachgründigen Muschelkalk-, Buntsandstein- und Keuperböden wird die Trockenheit durch einen unzureichenden Zugriff auf das Wasser weiter verschärft. Der Weinbau in Franken wird dabei die Folgen des Klimawandels deutlich spüren: Zwar werden die Wintermonate insgesamt regnerischer, die Sommermonate jedoch noch trockener und wärmer. Somit wird es künftig wichtiger denn je, das in den heißen Monaten verfügbare ´Blaue Gold´ Tropfen für Tropfen effektiv einzusetzen.
Neben Speicherlösungen und Tröpfchenbewässerung setzt Dr. Daniel Heßdörfer vom Institut für Weinbau und Oenologie dafür auf modernste und für den Weinbau bislang unübliche Technik: So erhalten Drohnen, ausgestattet mit modernster Messtechnik Einzug in den Luftraum über dem Weinberg, um die akute Trockenstresssituation der Weinstöcke zu erfassen. „Das Credo für uns lautet, den Weinstock erst dann mit Wasser zu versorgen, wenn der Stock – nicht der Winzer – unter Trockenstress leidet“, so Dr. Heßdörfer. Mittels Thermalanalyse wird dafür der Temperaturgradient in der Laubwand gemessen. „Auf der einen Seite droht dem Weinstock bei Trockenheit ein zunehmender Wassermangel, wenn die Blattschließzellen nicht geschlossen werden. Gleichzeitig müssen die Poren aber für den CO2-Austausch der Fotosynthese geöffnet bleiben“, erläuterte der promovierte Weinbauingenieur. Steigt daher die Temperatur der Blätter, ist dies ein deutliches Zeichen dafür, dass der Rebstock unter Trockenstress leidet und eine Wasserzufuhr notwendig wird.

Wird ´Grand Cru´ das neue Oechsle?
Nürnberger Lebkuchen, Allgäuer Emmentaler oder Schwarzwälder Schinken sind auch über die Grenzen von Deutschland hinaus ein Begriff. Traditionsreiche, regionale Spezialität mit einzigartigem Geschmack: Durch das Führen von Herkunftsbezeichnungen wird für den Verbraucher auf den ersten Blick klar, was auf dem Tisch steht bzw. sich im Glas befindet – und damit über das Produkt hinaus eine emotionale Bindung zu Herkunft und Region aufgebaut, die sich im Idealfall auch auf die spätere Kaufentscheidung positiv auswirkt. „Agrarprodukte wie auch Lebensmittel dürfen die Herkunftsangabe aber nicht frei verwenden. Vielmehr wurde durch die EU dafür ein europaweites und streng reglementiertes Schutzsystem eingeführt“, erläuterte Dr. Mathias Mend. Das durch feste Qualitätsregelungen gestaltete Schutzsystem umfasst dabei neben der ´geschützten Ursprungsbezeichnung (g.U.)´ auch die ´geschützte geografische Angabe (g.g.A.)´.
Mit dem EU-weiten geplanten Wechsel zum Romanischen Klassifizierungssystem steht künftig für den Weinbau nicht mehr das in Oechsle gemessene Mostgewicht, sondern vielmehr mit der Angabe zur Lage die Herkunft des Weines im Mittelpunkt. Als erste neue geschützte Ursprungsbezeichnung für Wein in Deutschland wurde der Bürgstädter Berg (Lkr. Miltenberg) 2017 erfolgreich in das europäische Herkunftsregister eingetragen. Die Bezeichnung ´Bürgstadter Berg´ dürfen aber nur die Weine tragen, die auf den Bundsandsteinböden des nach Süden ausgerichteten Hanges angebaut werden.

Weingenuss mit Stil?
Einfach-fruchtig, kräutrig-würzig oder cremig-mineralisch: Der fränkische Silvaner zeichnet sich durch einen ganz besonderen Facettenreichtum aus. Doch was ist typisch und was unterscheidet den fränkischen Silvaner? Johannes Burkert, Oenologe des LWG-Weinbauversuchsbetriebes, stellte in seinem Vortrag anschaulich dar, an welchen Stellschrauben der Gärführung gedreht werden kann, um die Weinstilistik gezielt zu beeinflussen. „Bereits kleine Eingriffe wie die Dauer der Maischestandzeit, die Gärtemperatur oder die Lagerung auf der Hefe haben eine große Wirkung auf die sensorischen Eigenschaften des Weines“, so Oenologe Burkert. Denn bei der Gestaltung der Weinstilistik, also dem ganz besonderen und möglichst einzigartigen Geruchs- und Geschmacksprofil des Weines, kommt es darauf an, möglichst nachvollziehbar für den Kunden zu sein; gleichzeitig aber auch eine hohe Reproduzierbarkeit für den Winzer zu erreichen.
Bei einer abschließenden Lehrweinprobe mit fränkischen, nationalen aber auch internationalen Weinen aus renommierten Häusern und Anbaugebieten, wurden schließlich die theoretischen Ansätze der Weinstilistik in der Praxis diskutiert. In 2er-Pärchen fand, immer gegeneinander, die Verkostung von Weinen mit verschiedenen Stilistiken bzw. Weinen mit einem bestimmten Profil statt. Die oenologischen Maßnahmen, die zur Ausprägung dieses Weinstils beigetragen hatten, wurden anschließend vorgestellt und diskutiert.

(Bilder: © Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau, Veitshöchheim)