Projekt zu Herbizidschäden
Einfluss von Bodenherbiziden auf nachgepflanzte Reben in Ertragsanlagen

Abgestorbene Ranken schwarze Blattspitzen und absterbende Triebspitzen nach Kontakt mit Katana im Wurzelbereich

Abgestorbene Ranken, schwarze Blattspitzen und absterbende Triebspitzen nach Kontakt mit Katana im Wurzelbereich

Um in älteren Anlagen einen noch ausreichenden und qualitativ hohen Ertrag zu erzielen, müssen diese einen weitgehend geschlossenen Bestand aufweisen. Daher sind Stockausfälle durch Frost, Krankheiten und auch Bewirtschaftungsmaßnahmen regelmäßig zu ersetzen.

Die nachgepflanzten, jungen Reben konkurrieren in bestehenden Anlagen mit den bereits etablierten Stöcken um Wasser und Licht und tun sich allein aus diesem Grund mit dem Aufwachsen schwer. Da die Nachpflanzungen im normalen Bewirtschaftungsverfahren einer Ertragsanlage stattfinden, werden Maßnahmen durchgeführt, die in einer Junganlage normalerweise nicht erfolgen, wie der Einsatz von Herbiziden. Dies erfordert besondere Sorgfalt damit keine Schädigungen an den nachgepflanzten Reben auftreten.

Aus der Praxis wurde uns berichtet, dass Aufwuchsprobleme häufig und in verstärktem Maß auftreten, wenn der Wirkstoff Flazasulfuron (Präparat Katana) zur Unkrautbekämpfung eingesetzt worden ist. Ein Versuch sollte klären, ob dieser Wirkstoff für Wuchsdepressionen bei Nachpflanzungen in Ertragsanlagen verantwortlich sein kann und unter welchen Bedingungen Wuchsdepressionen an nachgepflanzten Reben ausgelöst werden.
Der Wirkstoff Flazasulfuron wurde 2006 zugelassen und ermöglicht nach dem Wegfall diverser herbizider Wirkstoffe weiterhin einen Wirkstoffwechsel. Die Praxis setzt diesen Wirkstoff wegen seiner langen Wirkungsdauer auf keimende Unkräuter sowie die Wuchshemmung bis zum Absterben auf bereits aufgelaufende Unkräuter und Gräser gerne ein. Außerdem können Probleme, wie die Selektion bestimmter Unkräuter (z.B. Nachtschatten, Amarant) durch andauernden Einsatz von Glyphosat im Wechsel mit Flazasulfuron verhindert werden.

Versuch 2015 / 2016
Auswirkungen von Herbizidbehandlungen vor oder nach der Pflanzung auf die jungen Reben

Varianten im Versuch

  • 1. Kontrolle ohne jede Behandlung
  • 2. Katana (200g/ha) - "worst case"
    • Das Pflanzloch wurde ausgehoben und dann der Pflanzstreifen behandelt. Somit wurde direkt in das ausgehobene Pflanzloch behandelt; Dies sollte den „worst case“ (schlechtesten Fall) darstellen, um Schäden sicher zu erzeugen.
  • 3. Katana (200g/ha) - "unsachgemäß"
    • Mit Katana behandelter Boden aus dem Behandlungsstreifen wurde beim Ausheben des Pflanzloches gesammelt und beim Pflanzen zurück in das Pflanzloch gegeben; Dies sollte eine unsachgemäße Arbeitsdurchführung simulieren.
  • 4. Katana (200g/ha) - "sachgemäß"
    • Das Pflanzloch wurde mit unbehandelten Boden aus der Zeilenmitte wieder befüllt. Dies sollte die sachgemäße und empfohlene Arbeitsdurchführung simulieren.
  • 5. Katana (200g/ha) plus Clinic (5l/ha, Wirkstoff Glyphosat)
    • Mit beiden Wirkstoffen behandelter Boden aus dem Behandlungsstreifen wurde beim Ausheben des Pflanzloches gesammelt und beim Pflanzen zurück in das Pflanzloch gegeben;
    • Es sollte abgeklärt werden, ob möglicherweise verstärkende Effekte bei Mischung der Wirkstoffe auftreten;
    • Vergleich zur Variante 3
  • 6. Katana (200g/ha)
    • Zunächst wurde gepflanzt und danach der Pflanzstreifen behandelt.
  • 7. Clinic (5l/ha)
    • Das Pflanzloch wurde ausgehoben und dann der Pflanzstreifen behandelt. Somit wurde direkt in das ausgehobene Pflanzloch behandelt.
    • Diese Variante stellt den Vergleich zur Variante 2 dar um jegliche Bodenwirkung von Glyphosat ausschließen zu können.
Hinweis: Katana darf in Junganlagen laut Zulassung erst ab dem 4. Standjahr eingesetzt werden

Versuchsaufbau

Jeweils drei Hochstammreben der Sorte Spätburgunder wurden in dreifacher Wiederholung in einer Reihe neben einem bestehenden Weinberg gepflanzt. Hochstammreben wurden deshalb verwendet, um eine Aufnahme von Wirkstoffen über grüne Rebteile (z.B. Splasheffekt kontaminierter Bodenteile bei Starkregen) sicher ausschließen zu können.

Die Pflanzlöcher wurden von Hand ausgehoben. Der ausgehobene Boden in Eimern gesammelt und je nach Variante in das Pflanzloch zurückgegeben oder verworfen. Pflanzerde wurde nicht verwendet. Zur Sicherstellung des Bodenschlusses wurde der Boden im Wurzelbereich mit acht Litern Wasser eingeschwemmt.

Die Behandlung des Pflanzstreifens erfolgte am 15. April 2015 mit der Rückenspritze in einer Spritzbreite von etwa 0,4m. Die Varianten, bei denen die Behandlung direkt ins Pflanzloch erfolgte, wurden am 16. April vor der Pflanzung durchgeführt.

Alle gepflanzten Reben wurden nach dem Austrieb auf einen Trieb gestellt, um gleiche Wuchsbedingungen für den Trieb jeder Pflanze zu schaffen.

Wegen der geringen Niederschläge im Jahr 2015 erhielten die Reben ab dem 2. Juni drei Wassergaben von jeweils zwölf Litern je Stock im Abstand von etwa drei Wochen.

Zur Feststellung des Wuchsverhaltens und von Auffälligkeiten wurden die Reben an den Terminen 27. Mai, 24. Juni und 1. September auf Trieblänge, Blattzahl und sonstige Auffälligkeiten bonitiert.

Bonituren und Ergebnisse

Wuchslängen aller Wiederholungen am 27.05.15

In Abbildung (Abb.) 1 fallen sofort die Varianten 1=Kontrolle, 6=Behandlung mit Katana nach dem Pflanzen und 7=Glyphosat ins Pflanzloch behandelt auf. Hier sind die Triebe im Mittel der Varianten alle mindestens 10 cm bis knapp 20 cm gewachsen. Das Mittel aus allen drei Wiederholungen bewegt sich im Bereich von 15 cm. Die Wuchslänge der Triebe ca. 6 Wochen nach der Pflanzung ist als normal zu betrachten.

Dagegen weisen die Varianten (Var.) 2, 3 und 5 bedeutend geringere Wuchslängen der Triebe auf. Die Gemeinsamkeit dieser Varianten liegt darin, dass der Wirkstoff Flazasulfuron durch direktes Behandeln in das Pflanzloch bzw. durch Boden, der mit dem Wirkstoff behandelt wurde mit in das Pflanzloch gelangt ist. Daher sind die geringeren Wuchslängen keine Überraschung. Allerdings zeigt auch die Var. 4 einen nur unwesentlich besseren Wuchs. Hier wurde unbelasteter Boden aus der Zeilenmitte in das Pflanzloch gegeben, womit ein sachgerechtes Arbeiten simuliert werden sollte.

Noch deutlicher zeigen sich die Unterschiede der Varianten, wenn der Wuchshabitus der Pflanzen betrachtet wurde. Während die Var. 1 Kontrolle, Var. 6 Katana, nach dem Pflanzen und Var. 7 Glyphosat ins Pflanzloch- ein frohwüchsiges Triebwachstum mit normaler Blattentwicklung, Triebspitze, und hellgrüner Färbung aufwiesen, waren die Varianten mit verkürzter Trieblänge (Var. 2 bis 5) deutlich im Wuchshabitus verändert. Die Blätter blieben klein mit einer oft kräuselig, verknitterten Blattspreite, starker Behaarung, Kurzknotigkeit und verhockter Triebspitze. Eine unnatürlich, tiefgrüne Färbung aller Triebe in diesen Varianten fiel sofort auf (siehe Abb. 2 und 3).

Abb 1 - Wuchslängen aller Varianten

Abb1 Wuchslängen aller Varianten

Abb 2 - Beispiele für Habitus der Triebe am 27.05.15

Abb 2 - Beispiele für Habitus der Triebe am 27.05.15

Abb 3 - weitere Beispiele für Habitus der Triebe am 27.05.15

Abb 3 - weitere Beispiele für Habitus der Triebe am 27.05.15

Abb 4 - weitere Wuchslängenmessungen

Abb 4 - weitere Wuchslängenmessungen

Wuchslängenmessungen an den weiteren Terminen am 24.06 und 01.09.15

Im weiteren Jahresverlauf bestätigten und verschlimmerten sich die Auswirkungen der Behandlungen in den Varianten, die bereits bei der ersten Nachschau abnormale Symptome aufwiesen. Die in Abb. 4 aufgeführten Wuchslängenmessungen an den weiteren Terminen am 24.06 und 01.09.15 zeigen dies deutlich.

In den Varianten 1, 6 und 7 hatte die Trieblänge im Mittel ca. 50 cm erreicht. Für das überaus trockene Jahr 2015 ein als normal einzustufender Wert.

Dagegen war in den Varianten 2 bis 5 nach dem ersten Boniturtermin fast kein Triebzuwachs mehr festzustellen. Zum letzten Boniturtermin wiesen diese Varianten im Mittel sogar eine Verringerung der Trieblänge auf.

Die Ursache hierfür erklärt sich aus der Beobachtung, dass Triebspitzen und teils auch Triebe abstarben. Weiter konnte in diesen Varianten immer wieder das Absterben von Ranken, eine deutliche Schwarzfärbung der Blattspitzen, eine Stauchung oder das Absterben der Triebspitze beobachtet werden (Abb. 5 und 6). Deutlich zeigen sich Schädigungen bereits, wenn minimale Wirkstoffmengen von Flazasulfuron an die jungen Rebwurzeln gelangen. In der Abb. 7 ist der Vergleich zwischen der Var. 1 (Kontrolle), Var. 3 (behandelter Boden ins Pflanzloch) und der Var. 4 (unbehandelter Boden aus der Zeilenmitte ins Pflanzloch) dargestellt. Var. 4 entspricht dabei der bisher empfohlenen Arbeitsweise.

Zum Ende der Vegetation waren in der Var. 2 bereits einige Pflanzen abgestorben (Tab.1). Die Beobachtungen werden fortgeführt.
Abb 5 - Schwarze Blattspitzen

Abb 5 - Schwarze Blattspitzen

Abb 6 - Abgestorbene Triebspitze

Abb 6 - Abgestorbene Triebspitze

Abb 7 - Minimale Wirkstoffmengen mit Auswirkungen

Abb 7 - Minimale Wirkstoffmengen mit Auswirkungen

Mögliche Ursache der Wuchsdepressionen

Zu unserer eigenen Überraschung konnte die bisher empfohlene Arbeitsweise starke Wuchsdepressionen nicht verhindern. Trotz einer sorgfältigen Arbeitsweise bei den Pflanzarbeiten und einem gewissenhaften Bodenaustausch sind wahrscheinlich doch geringe Mengen an Wirkstoff in das Pflanzloch eingebracht worden. Dies könnte durch das Abbrechen von Bodenteilchen vom Rand des Pflanzloches her, beim Pflanzen, beim Angießen oder beim Einbringen des unbelasteten Bodens geschehen sein.

Die beobachteten Auswirkungen an den Jungreben passen mit der Wirkungsweise des Wirkstoffs Flazasulfuron zusammen. Der über die Wurzel aufnehmbare Wirkstoff hemmt die Enzyme, die für einen Zusammenbau der Aminosäuren zu Eiweißen sorgen. Daher werden hauptsächlich die Zonen beeinträchtigt in denen ein starkes Wachstum stattfindet. Dies stimmt mit den beobachteten Schädigungen an der Triebspitze und den Ranken überein. Die auffällig dunkelgrüne Färbung könnte durch eine verminderte Zellstreckung und einer damit einhergehenden höheren Konzentration der Chloroplasten begründet sein.
Tab 1: Anzahl abgestorbener Triebspitzen und Pflanzen in den Varianten
Variante Triebspitzen abgestorben Pflanzen abgestorben
1 0 0
2 5 4
3 9 0
4 8 0
5 6 0
6 0 0
7 0 0

Zusammenfassung

Alle vor dem Pflanzen durchgeführten Behandlungen mit Katana (Var. 2 bis 5) zeigten zu allen Boniturterminen im Vergleich zur Kontrolle ein stark vermindertes Wachstum. Selbst in Var. 4, die eine sachgemäße Arbeitsdurchführung simulieren sollte, waren die Wuchsdepressionen nur unwesentlich schwächer ausgeprägt. Var. 2 zeigte beim letzten Boniturtermin extrem stark geschädigte Jungpflanzen und abgestorbene Reben. Beim Einsatz von Flazasulfuron nach der Pflanzung (Var. 6) traten hingegen keine Auffälligkeiten auf. Gelangt Glyphosat allein in den Wurzelbereich (Var. 7) zeigten sich keine Auffälligkeiten. Demzufolge verstärkt eine Kombination aus Flazasulfuron und Glyphosat (Var. 5) nicht die Schadwirkung.

Schlussfolgerung und Empfehlung

Bei erforderlicher Nachpflanzung in Ertragsanlagen sollte auf eine Behandlung mit dem Wirkstoff Flazasulfuron (Katana) vor dem Pflanzen unbedingt verzichtet werden. Eine Kontamination beim Ausheben der Pflanzlöcher durch abbröckelnde Erde, beim Pflanzen oder Angießen der Reben ist auch bei sorgfältiger Arbeitsweise nicht zu verhindern. Bereits geringste Wirkstoffspuren an den Wurzeln können Wuchsdepressionen auslösen.

Ist ein Verzicht einer Katanabehandlung nicht möglich, sollte erst gepflanzt und dann eine Behandlung nur an den Altstöcken mit Flazasulfuron stattfinden. Der Bereich um die nachgepflanzten Reben ist von einer Behandlung freizuhalten, damit bei nachfolgenden Starkniederschlägen keine Gefahr durch Einwaschung des Wirkstoffes (vor allem bei durchlässigen Böden) an die Wurzeln besteht.

Die hohe Wirkpotenz des Wirkstoffs Flazasulfuron bereits in geringsten Mengen an den Wurzeln hat dieser Versuch bestätigt. Daher sollten die beschriebenen Empfehlungen beim Nachpflanzen in Ertragsanlagen eingehalten werden. Gelangt der Wirkstoff nicht an die Rebwurzeln ist eine Schädigung auch nicht möglich, wie die Var. 6 (Behandlung erst nach dem Pflanzen) deutlich gezeigt hat.
Beachten Sie beim Einsatz von Herbiziden ihre Sorgfaltspflichten. Die richtige Wahl der Düsen, des Spritzdruckes, die Einstellung des Sprühgerätes sowie die Berücksichtigung der Witterung (Wind, Temperatur) hilft Schäden durch Abdrift zu verhindern. Jeder verwehte Herbizidtropfen auf Blätter und Boden verursacht eine Schädigung. Dies gilt auch für ältere Reben!
Die vorliegenden Untersuchungen dienen den Zielen des Nationalen Aktionsplan Pflanzenschutz (NAP).
Projektinformationen
Projektleiter: Hans-Jürgen Wöppel
Projektbearbeiter: Heinrich Hofmann
Laufzeit: 1.5.2015 - 31.8.2017
Finanzierung: Planressourcen