
Vom 25. Januar bis 10. Februar 2026 reiste die Technikerklasse für Weinbau und Oenologie zu acht nach Chile und Argentinien. Ziel war es, die Dynamik des südamerikanischen Weinbaus unmittelbar vor Ort zu erleben – in Regionen, die durch Hitze, Trockenheit, Höhenlagen und extreme Temperaturamplituden geprägt sind.
Für die Studierenden bedeutete diese Exkursion einen intensiven Perspektivwechsel zwischen alter und neuer Welt – fachlich fundiert, praxisnah und mit Blick auf die Zukunft des globalen Weinbaus.
Nach der Ankunft in Santiago de Chile führte der erste fachliche Programmpunkt ins Casablanca Valley. Bei Bodegas RE stand weniger klassische Typizität als vielmehr kompromisslose Experimentierfreude im Mittelpunkt. Hier entstehen bewusst unkonventionelle Weine – spontan vergoren, teils oxidativ ausgebaut, in Amphoren oder Betongefäßen gereift. Besonders eindrücklich waren die sogenannten „Frankenstein-Reben“: Auf einem Rebstock vereinte Mehrfachveredelungen, etwa Chardonnay und Pinot Noir auf einer Pflanze. Diese spielerische, zugleich tief reflektierte Herangehensweise an Rebsorten und Ausbau verdeutlichte, wie stark Innovation und Individualität den chilenischen Weinbau prägen können.
Anschließend besuchten die Klasse López Pangue, wo die Stilistik stärker auf präzise, strukturierte Cabernet-Sorten und Malbec ausgerichtet ist. Der maritime Einfluss des Pazifiks sorgt trotz südamerikanischer Sonneneinstrahlung für strukturgebende Säure und aromatische Klarheit.
Ein besonderer Schwerpunkt lag auf dem Besuch bei Antiyal im Maipo-Tal. Der biodynamisch arbeitende Betrieb verbindet konsequent ökologisches Denken mit önologischer Präzision. Begrünungsmanagement, eigene Kompostpräparate und eine strikte Ertragsregulierung bilden die Grundlage für langlebige, strukturierte Weine. Intensive Gespräche über Wassermanagement und Bodenaktivität zeigten, wie ernst die Herausforderungen zunehmender Trockenheit genommen werden. Antiyal steht exemplarisch für einen südamerikanischen Weinbau, der Nachhaltigkeit strategisch als Qualitätsfaktor versteht.
Die Überquerung der Anden nach Mendoza markierte klimatisch wie strukturell einen deutlichen Kontrast. Kontinentales Klima, intensive UV-Strahlung und enorme Tag-Nacht-Amplituden prägen den argentinischen Weinbau.
Eine Station war im Uco Valley Escala Humana in Tupungato – ein Betrieb, der sich kompromisslos dem Terroirgedanken verschrieben hat. Parzellen aus unterschiedlichen Höhenlagen werden getrennt vinifiziert, um kleinste Unterschiede in Bodenstruktur und Mikroklima sensorisch herauszuarbeiten. Trotz intensiver Sonneneinstrahlung entstehen hier dank Höhenlagen von über 1.200 Metern Weine mit bemerkenswerter Frische, dichter Tanninstruktur und präziser Frucht. Besonders beeindruckend war die Detailtiefe, mit der Böden kartiert und Lesetermine parzellenspezifisch festgelegt werden.
Mit Ojo de Agua lernten die Studierenden einen Betrieb kennen, der ökologische Prinzipien im größeren Maßstab umsetzt. Neben Malbec spielen auch Cabernet Sauvignon und weitere internationale Sorten eine Rolle. Diskutiert wurden Strategien zur Alkoholsteuerung bei gleichzeitig vollständiger phenolischer Reife – ein Balanceakt im heißen Klima Mendozas. Die Verbindung aus naturnahem Anbau, moderner Kellertechnik und klarer Markenpositionierung verdeutlichte, wie professionell und international ausgerichtet der argentinische Weinbau agiert.
Ein weiterer Programmpunkt war Cruzat, wo es Einblicke in die Herstellung hochwertiger Schaumweine nach traditioneller Methode gab – ein spannender Gegenpol zur dominierenden Rotweinproduktion des Landes.
Im Norden Argentiniens erreichte die Klasse mit Cafayate eine der höchstgelegenen Weinbauregionen der Welt. Bei Bodega El Esteco stand insbesondere Torrontés im Fokus – aromatisch intensiv, mit überraschender Frische trotz des heißen Klimas.
Ein besonderes Highlight war der Abend in der Tosca Bar in Cafayate, geführt von der Önologin María Emilia Giuliani. In persönlicher Atmosphäre präsentierte sie uns eine kuratierte Auswahl argentinischer Weine aus unterschiedlichsten Regionen. Diese kommentierte Verkostung eröffnete uns die gesamte stilistische Bandbreite des nördlichen Landes, die wir innerhalb unserer zeitlich begrenzten Reise und der Konzentration auf ausgewählte Anbaugebiete sonst nicht hätten erfassen können. Gerade dieser überregionale Überblick machte deutlich, wie vielfältig und differenziert sich Argentinien heute positioniert.
Den nördlichsten Programmpunkt bildete Bodega El Bayeh in Maimará, Provinz Jujuy. Kleine Parzellen, konsequente Handarbeit und reduzierte Erträge prägen diesen Betrieb. Die extreme Höhenlage, karge Böden und enorme UV-Strahlung stellen höchste Anforderungen an Rebe und Kellerwirtschaft. Hier wurde eindrucksvoll sichtbar, wie stark sich Mikroklimata und geologische Bedingungen selbst innerhalb einer ohnehin extremen Region unterscheiden. Die Weine zeigten Konzentration und Mineralität, zugleich aber eine bemerkenswerte Eleganz – ein spannendes Beispiel für Hochlagen-Weinbau am Limit.
Neben den fachlichen Programmpunkten spielte auch der kulturelle Rahmen eine wesentliche Rolle. Santiago und Valparaíso, Mendoza, Cafayate und Salta sowie Buenos Aires vermittelten Einblicke in Lebensgefühl, Kulinarik und gesellschaftliche Dynamik. Gemeinsame Asados, Empanadas nach langen Fahrtstrecken, spontane Diskussionen über Exportmärkte und Währungsentwicklungen sowie sogar ein Rafting-Ausflug in den Anden stärkten nicht nur den Teamgeist, sondern auch das Verständnis für die kulturelle Einbettung des Weinbaus.
Die Exkursion hat eindrucksvoll gezeigt, wie innovationsgetrieben und selbstbewusst der südamerikanische Weinbau agiert. Extreme klimatische Bedingungen werden nicht als Hindernis verstanden, sondern gezielt genutzt, um Herkunft zu definieren und Stilistik zu schärfen. Bewässerungsstrategien und nachhaltige Anbaumethoden sind dabei zentrale Werkzeuge.
Diese Reise war weit mehr als eine Studienfahrt. Sie war eine intensive fachliche Auseinandersetzung mit Zukunftsfragen des Weinbaus – zwischen Sonnenglut, Andenwinden und dem klaren Anspruch, Qualität über Herkunft neu zu denken.
Herzlichen Dank Hoangthien Nguyen, Studierender der Klasse Weinbau und Oenologie, für den interessanten Text!