Phänologie
Wenn der Müller-Thurgau früher dran ist

Seit Mitte der 90er Jahre verändern sich die zeitlichen Abläufe der Rebe vom Austrieb über die Blüte bis zur Reife deutlich. Seit über 45 Jahren dokumentiert die LWG Veitshöchheim ihre Phänologie-Beobachtungen. Diese Aufzeichnungen helfen dabei die offensichtlichen Veränderungen zu analysieren. Die Prognosen der Klimaforscher deuten auf eine zunehmende Verfrühung des Vegetationsverlaufes hin. Was bedeutet dies für die Rebe?

Immer früher und immer schneller

Müller-Thurgau ist eine frühe bis mittelfrühe Sorte, die tiefgründige und eher frische Böden bevorzugt und durch ihre starke Wüchsigkeit sehr schnell auf Trockenstress reagiert.
Am Beispiel unseres langjährigen Beobachtungsstandortes - Müller-Thurgau an einem mittleren Qualitätsstandort - wird deutlich, wie sich in den letzten Jahrzehnten die Entwicklungsphasen der für Franken typischen Rebsorte verschoben haben.. In der Grafik werden die verschiedenen Entwicklungsstadien als Durchschnittswerte der vergangenen vier Dekaden im Vergleich zum Gesamtdurchschnitt des Zeitraumes 1971 – 2010 dargestellt.
Im Vergleich der ersten zur letzten Dekade wird die Verfrühung der phänologischen Stadien deutlich. Beginnend mit dem Bluten der Reben (BBCH 01) zeigt sich eine Verfrühung um rund 10 Tage, beim Knospenaufbruch (BBCH 09) im Schnitt um sieben Tagen und beim Ergrünen der Rebe (BBCH 12) um rund 14 Tage. Die Reben blühen inzwischen im Mittel nicht nur 14 Tage früher, sondern die Blüte verläuft mit heute durchschnittlich vier Tagen deutlich schneller als noch vor 40 Jahren mit etwa 10 Tagen.
Ein weiterer wichtiger Zeitpunkt der Rebenentwicklung ist das Stadium BBCH 75, hier sind die Beeren erbsengroß und die Trauben hängen. Dieses Stadium hat sich um fast drei Wochen im Jahresverlauf auf Anfang Juli nach vorne geschoben. Der nächste wichtige Entwicklungsschritt ist der Reifebeginn (BBCH 81), d.h. die Beeren beginnen hell zu werden bzw. sich zu verfärben. Der Reifebeginn wird heute bereits Anfang August beobachtet, dies ist über 14 Tage eher als zu Beginn der Aufzeichnungen. Die folgende Phase der Entwicklung lässt sich über das Phänologie-Schema, den BBCH-Code, bis auf das Weichwerden der Beeren, nicht näher bestimmen. Der nächste BBCH-Wert ist dann BBCH 89, die Vollreife oder Lesereife. Auch bei diesem Termin bleibt der Vorsprung von über zwei Wochen erhalten.

Die 100-Tage-Regel wird scheinbar bestätig

Grafik zur 100 Tageregel der Traubenreife: Kurve zum Ende der Blüte, zum Datum der 60° Oechsle und zum Lesezeitpunkt von 1968 bis 2015Zoombild vorhanden

100 Tage-Regel zur Traubenreife

Die Weinbaupraxis verwendet neben den phänologischen Daten auch Regeln, die aus langjährigen Erfahrungs- bzw. Beobachtungswerten entwickelt wurden. Dazu gehört die 100-Tage Regel für die Zeit von der Blüte bis zur Lese. Diese Regel wird durch die Phänologiedaten bestätigt. Jedoch lohnt sich hier eine nähere Betrachtung, denn die Vollreife der Trauben (BBCH 89) wird heute abweichend von den Bewertungskriterien von vor 30 oder 40 Jahren beurteilt.
So ging es in den 70er und 80er Jahren oft genug darum eine Mindestmaß an Oechsle zu erreichen, während heute eine physiologische Reife für optimal ausgewogene Inhaltsstoffe angestrebt wird. Daher verwenden wir nun ergänzend zu den phänologischen Werten den über die Jahre vorliegenden und relativ exakt zu bestimmenden Reifeparameter von ca. 60° Oechsle. 70° oder gar 80° Oechsle wurden nicht in jedem der beobachteten Jahre erreicht und daher nicht einbezogen.
In der Grafik ist zu erkennen, dass die Kurven von BBCH 68 (abgehende Blüte) und BBCH 89 (Lesereife) sich parallel zueinander, mit entsprechenden Schwankungen, verfrühen und damit scheinbar die 100 Tage Regel bestätigen. Die dritte Kurve, das Erreichen von 60° Oechsle, fällt jedoch deutlich steiler ab. Hier zeigt sich also, dass sich auch die Reife deutlich beschleunigt hat. In den ersten beiden Dekaden dauerte diese Phase noch 76 bis 78 Tage, in der dritten und vierten Dekade mit 71 und 70 Tagen eine ganze Woche weniger und die ersten Jahre der neuen Dekade weisen auf eine weitere Verkürzung hin.

Dabei darf man nicht außer Acht lassen, dass sich in diesem Beobachtungszeitraum auch die Qualitätsmaßstäbe und damit das Qualitätsmanagement verändert haben. Heute steht ein geringerer Ertrag mit physiologisch reifen Trauben im Vordergrund. Dies führt durch die entsprechenden Maßnahmen zur Ertragsregulierung eben auch zu höheren Oechslegraden.